Gleichberechtigung:Ein Platz am Tisch ist noch keine Stimme

"Redezeit ist ein Statussymbol", sagt Marianne Schmid Mast, Professorin für Organisationsverhalten an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne. Also nehmen Chefs, aber auch Kollegen, die Chefposten anstreben, für sich in Anspruch, mehr zu reden - Machtspiele halt. Oft haben sie, weil Vorgesetzte, auch schlicht mehr zu sagen, weil sie Sachlagen erklären, Anweisungen erteilen, Entscheidungen erläutern müssen.

Doch selbst wenn Frauen sich auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen oder gar deren Chefs befinden, erhöht das nicht ihre sprachliche Dominanz. Einen Platz am Tisch zu haben, ist etwas ganz anderes, als eine Stimme zu haben, bilanziert die Studie aus Princeton. Über die befragten Frauen, die es "an den Tisch geschafft" haben, habe man hinweggeredet, sie unterbrochen, ihnen das Wort abgeschnitten oder sie genötigt, langen Ansprachen freundlich zu lauschen.

Teilhabe bedeutet also nicht automatisch Zuhören, im Gegenteil: In Geschäftsrunden finden Vorschläge von Männern meist größere Beachtung, was wiederum auch daran liegen mag, dass Frauen meistens leiser sprechen und sich kürzer fassen. Die Lautstärke ist eine Folge von Lungenvolumen, das Kürzerfassen ist ein Erfahrungswert. Frauen wissen von Kindesbeinen an, dass man ihnen gerne ins Wort fällt; also haben sie es sich angewöhnt, von vornherein schneller oder kürzer zu sprechen, um dieser Herabwürdigung zu entgehen.

Ähnliches beobachtet die Talkshow-erfahrene deutsch-türkische Schriftstellerin Hilal Sezgin: Männer könnten vor laufender Kamera etwa anderthalbmal so lange reden, ohne dass irgendwer etwas dabei finde. Männer im vorgerückten Alter gäben jede noch so periphere Anekdote von sich, 90 Sekunden oder gar 120 Sekunden lang. "Aber wenn du als Frau in einer schnellen Talkshow 45, gar 60 Sekunden am Stück ergattern willst, musst du deine Argumente gut sortieren und die Sätze möglichst präzise raushauen, Stück für Stück", sagte Sezgin in einem Interview.

Frauen sind in einer "Lose-lose-Situation"

Die naheliegende Lösung für Frauen wäre also, maskulines Auftreten zu imitieren. Doch Vorsicht, hier tut sich ein weiterer Abgrund auf: Die Yale-Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Zuhörer wie Zuhörerinnen eine Frau mit hohem Redeanteil als aggressiv empfinden. Mit anderen Worten: Männer werden für ihr Monologisieren belohnt, Frauen bestraft. Von Männern wird vorbehaltlos erwartet, dass sie ihre Leistungen hervorheben und offensiv für ihren Standpunkt eintreten, Frauen müssen bei demselben Verhalten mit Egotrip-Vorwürfen rechnen.

Solche Erfahrungen machen viele Businessfrauen. Mit Hosenanzug, Machogehabe und männlicher Rhetorik sind sie leicht unbeliebt, gelten schnell als hart, selbstsüchtig, dominant, als unweiblich, gar unsexy. Feminines Auftreten wiederum wird als durchsetzungsarm bis inkompetent verstanden. Eine "Lose-lose-Situation": Treten sie "wie eine Frau" auf, haben sie verloren. Verhalten sie sich "wie ein Mann" ebenso. Das Urteil über Frauen bestimmen auch Kleidung, Aussehen, Gestik, Mimik. Frauen werden kritischer beäugt, gerade von Frauen: Passt das Halstuch zum Blazer? Sind die Absätze nicht zu gewagt? Sie wirkt nervös!

Männer sind auch im Vorteil, weil sie in mancher Hinsicht die bessere Stimme haben. Sie klingen tiefer, sonorer, und das wird nicht nur als angenehmer empfunden, sondern auch als überzeugender - übrigens auch von weiblichen Zuhörern. Man mag das eine fiese Ungerechtigkeit der Natur nennen, aber es ist eine Tatsache und unter anderem ein Grund dafür, dass die überwiegende Zahl der Hörbücher von Männern vorgelesen wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB