Job:Die richtig harten Zeiten zogen mit den Protestanten ein

Die alten Griechen wussten damit umzugehen. In der Antike galt die Muße als gesellschaftliches Ideal. Es ging darum, sich der Philosophie und der Geschicke der Polis hinzugeben, würdevoll kontemplativ den Geist einzusetzen, das Göttliche zu betrachten. Diogenes zog sich in seine Tonne zurück, Aristoteles befand, dass Arbeit und Tugend einander ausschließen. Wer nicht zur Muße, zur Ruhe der Seele in Gott fand, galt als Banause, als träge, und verfiel der verpönten Acedia.

Die Römer schauten den Griechen das Müßiggehen erfolgreich ab. Möglich war das freilich nur, weil es sich jeweils um Sklavenhaltergesellschaften handelte, in denen es sich eine Elite leisten konnte, stundenlang herumzuphilosophieren, während Massen von Unfreiwilligen die Drecksarbeiten erledigten und die Heere stellten.

Was als Fleiß, was als Faulheit gilt, bestimmen die jeweilige Zeit, Kultur und Perspektive. Mit dem Christentum etwa geriet alles durcheinander. Es vermengte die gute Muße und die schlechte Acedia, machte beides gleich böse. Was vorher als Unfähigkeit zur Muße galt, war nun ein und dasselbe, die "Trägheit des Herzens". Wer träge war, lief Gefahr zu grübeln, schwermütig zu werden, auf Abwege zu geraten oder gar Gott den Rücken zu kehren. Hier half nur hartes Arbeiten. Mit "ora et labora", bete und arbeite, waren die Benediktiner zur Stelle. Trägheit wurde zur Todsünde. Aber die Katholiken schenkten ihren Untertanen zumindest einige Feiertage.

Die richtig harten Zeiten zogen mit den Protestanten ein: Für sie war fleißiges Arbeiten Zeichen eines gottgefälligen Lebens. Nun galt Luthers Wort: "Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen." Die Puritaner setzten dem noch eins drauf. Den protestantischen Grundsatz "Schuften im Diesseits, genießen im Jenseits" erweiterten sie um die Askese. Auch wer es durch harte Arbeit und Fleiß zu Erfolg und Reichtum gebracht hatte, sollte nicht etwa am siebten Tag ausruhen dürfen, sondern allen Gewinn in aller Bescheidenheit wieder in Haus und Hof stecken. Erst dann war einem eventuell ein Platz im Himmelreich beschieden. Fortan galt, dass man nicht arbeitet, um zu leben, sondern lebt, um zu arbeiten.

Die wahre Arbeitsmoral wussten freilich auch andere Obrigkeiten zu instrumentalisieren: Preußen machte aus der Gottesfurcht eine Staatsfurcht. Der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. stellte Faulheit unter Strafe: "Arbeiten müsst ihr, so wie ich dies beständig getan habe", verlangte er von seinen Beamten. "Ein Regent, der in der Welt mit Ehren regieren will, muss seine Sachen alle selber machen, denn die Regenten sind zum Arbeiten geboren, nicht zum faulen Leben."

Die Leistungsgesellschaft war geboren, wie gerufen im aufkommenden Industriezeitalter. Der Soziologe Max Weber verfasste sein Hauptwerk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". In den Fabriken der Alten und der Neuen Welt mühten sich die Menschen in 14-Stunden-Tagen. Erst Maschinisierung und Automatisierung verkürzten die menschliche Wochenarbeitszeit nach und nach.

Ganz langsam traut man sich, das Thema Faulheit einigermaßen unbefangen anzugehen. Bücher kommen auf den Markt ("Vom Glück der Faulheit", "Lob der Faulheit", "In der Faulheit liegt die Kraft"), ein paar Autoren wagen es, mit ihrem Faulsein zu kokettieren, der Soziologe Stephan Lessenich brachte 2014 eine beachtete Neuausgabe von "Das Recht auf Faulheit" (1848) des französischen Sozialisten Paul Lafargue heraus.

Man könnte darüber streiten, ob man den vermeintlich Faulen nicht unrecht tut, ob dahinter nicht in Wahrheit die genialeren und schnelleren Zeitgenossen stecken. Ist zu verurteilen, wer seine Arbeit rasch, weil konzentrierter erledigt und sich dann ins Freibad verabschiedet? Oder ist das unfair den Langsameren gegenüber? Woran bemessen sich Fleiß und Faulheit? An Schnelligkeit, Genialität, Anwesenheit? Wäre es nicht zeitgemäß, Mitarbeitern volle Autonomie zu gewähren, Leistung nach Zielen, nicht nach Zeit zu bewerten? Wie man es dreht und wendet - die Faulheit ist unerschöpflich. Vor allem ist sie es wert, diesen Text selbst und ohne Tricksereien zu verfassen.

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