Süddeutsche Zeitung

Job:Homeoffice ist nicht das Paradies

Die SPD pflegt ein simples Bild der Heimarbeit - und will für die Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch darauf erkämpfen. Das ist weder nötig noch sinnvoll.

Sie liegt auf dem Bett, barfuß und bäuchlings, die junge Frau, vermutlich Anfang zwanzig. Sie amüsiert sich über irgendetwas, das sie auf dem Bildschirm ihres Laptops sieht. Youtube vielleicht, Netflix, oder die E-Mail einer Freundin? Aber nein, weit gefehlt. Die junge Frau arbeitet. Das zumindest behauptet die SPD, die derzeit mit diesem Bild auf Twitter für das von ihr geforderte "Recht auf Homeoffice" wirbt.

Da drängt sich natürlich zunächst einmal die Frage auf, wie man eine Kampagne für das Arbeiten von zu Hause aus allen Ernstes mit einem Bett bebildern kann. Kontraproduktiv ist vermutlich noch das mildeste Urteil, denn besser hätte man die Vorurteile der Homeoffice-Gegner kaum bedienen können. Erschwerend kommt hinzu: Heimarbeit ist ein Rettungsanker für jene, die unterzugehen drohen zwischen Beruf, Kindern und der Pflege von Angehörigen. Es geht also gerade nicht um Lifestyle und Gemütlichkeit, sondern um das glatte Gegenteil davon.

Vor lauter Kopfschütteln könnte man beinahe vergessen, über die eigentliche Frage rund um diesen Punkt aus dem SPD-Sozialstaatskonzept nachzudenken. Nämlich darüber, ob ein Rechtsanspruch auf das gelegentliche Arbeiten von zu Hause aus überhaupt sinnvoll und notwendig ist. Die Antwort darauf lautet: Nein.

Homeoffice samt Anspruch auf selbiges kommt nur für einen sehr begrenzten Arbeitnehmerkreis infrage. Bäckereiverkäuferinnen, Automechaniker, Ärzte, Erzieherinnen, Müllwerker, Busfahrerinnen, Pfleger, Dachdecker, Optikerinnen, Bürgeramtsmitarbeiter - die Liste von Berufen, die ohne Präsenzpflicht am Arbeitsplatz undenkbar sind, ist endlos. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht von 60 Prozent der Beschäftigten aus, für die Heimarbeit keine Option ist.

Nun kann man natürlich sagen: Ist doch klar, der Rechtsanspruch soll nur für Berufe gelten, in denen es theoretisch möglich wäre, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber kann die Entscheidung über den theoretisch möglichen Arbeitsort von Mitarbeitern eines Unternehmen tatsächlich beim Staat liegen? Derzeit arbeiten in der Tat nur zwölf Prozent aller Beschäftigten wenigstens gelegentlich von daheim aus; es gibt also noch viel Potenzial. Ob und wie es aber gehoben wird, darüber müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Betriebsrat und Firmenleitung verhandeln. Und selbst wenn es ein Gesetz gäbe, hätte es zwangsläufig die berühmte Fußnote der betrieblichen Notwendigkeiten.

Lockstoff für neue Mitarbeiter

Und: Dort, wo es möglich und sinnvoll ist, wird das Homeoffice ohnehin nicht aufzuhalten sein. Dafür bietet es zu viele Vorteile. Gestresste Vollzeitmütter und Vollzeitväter sparen sich das Pendeln, können nachmittags die Kinder ab- und abends die Arbeit nachholen, zwischendurch die Waschmaschine anstellen und dem Handwerker die Tür öffnen. Von zu Hause aus arbeiten zu können, ist die Arbeitnehmerdividende der Digitalisierung, die Habenseite des Flexibilisierungsdrucks. Für die Betriebe wiederum sind flexible Arbeitsformen ein Lockstoff für neue Mitarbeiter und gut fürs Betriebskarma. Wer da nichts zu bieten hat, sieht alt aus im Wettbewerb um Nachwuchs.

Aber: Das Paradies ist das Homeoffice nicht. Der Chef sitzt quasi abends mit am Tisch, das Handy ist selten aus, viele Heimarbeiter machen mehr Überstunden und schlafen weniger. Es gibt also durchaus politischen Handlungsbedarf. Nur liegt er eben jenseits allzu simpler Versprechen.

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SZ vom 05.03.2019/mkoh
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