Job:"Etwa jeder fünfte Schüler ist schwach"

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Im Unterschied zu produktionsorientierten Unternehmen wie beispielsweise kleinen Handwerksbetrieben, wo es jeden Tag vor allem darauf ankommt, dass der Laden läuft, können sich größere Firmen auch eine Personalplanung leisten. Meist sind das größere Mittelständler, aber Neises weiß auch, dass es bei dem Staatsunternehmen Deutsche Bahn und bei der Deutschen Telekom ebenfalls Hilfsprogramme für leistungsschwache Azubis gibt.

Im Jahr 2015 gab es in Deutschland nach KfW-Berechnungen 1,34 Millionen Auszubildende, circa 300 000 weniger als noch 2008. Im Jahr 2016 dürften es nach ersten Schätzungen noch weniger gewesen sein. Die Not der Betriebe wächst. Das stärkt die Bereitschaft, auch schwächere Jugendliche einzustellen und mit einiger Extrahilfe dafür zu sorgen, dass auch sie den Abschluss schaffen. Der Pool, aus dem sie schöpfen können, ist groß. "Etwa jeder fünfte Schüler ist schwach", sagt Neises und beruft sich auf jüngste Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Schwach bedeutet danach, dass Jugendliche aus der achten Klasse im Rechnen und Schreiben auf dem Niveau von Grundschülern verharren.

Die Situation verschärft sich noch, wenn man auf die außerbetrieblichen ausbildungsbegleitenden Hilfen sieht, die von der Bundesagentur für Arbeit, Branchenverbänden und einigen Ministerien angeboten werden. Die Gesamtzahl solcher Hilfsangebote liegt nach Angaben von Neises seit einiger Zeit konstant bei 40 000 Plätzen im Jahr - bei kontinuierlich abnehmender Schülerzahl.

Auch die Firma Kampf, Spezialist für Schneidmaschinen aus dem nordrhein-westfälischen Wiehl, nimmt jedes Jahr schwächere Jugendliche in ihren neuen Ausbildungsjahrgängen auf. Sie bietet einen eigenen Werksunterricht für alle Lehrlinge an. "Dort können die Schwächen der Azubis erkannt und durch zusätzliches Lernen oft behoben werden", sagt Personalchef Axel Pitsch. Bei Schülern, deren schulisches Wissen nicht ausreicht, um etwa eine Ausbildung zum Mechatroniker zu schaffen, wirbt Kampf für weniger attraktive Lehrberufe wie Konstruktionsmechaniker, früher Blechschlosser genannt. "Wir zeigen diesen Jugendlichen, dass sie auch damit eine Perspektive haben. Sie können mit erfolgreichem Abschluss später auch hier ihren Industriemeister oder Techniker machen", sagt Pitsch.

Wie viele andere Mittelständler auch geht Kampf schon früh an die Schulen, um für das eigene Unternehmen Nachwuchs anzuwerben. Pitsch lobt die gute Zusammenarbeit vor allem mit den Mittelschulen der Gegend. "Die sind oft hoch engagiert bei der Betreuung und Unterstützung der Schüler", sagt er. Dennoch: Viele Schulabgänger der Mittelschulen sind für eine Ausbildung im dualen System heute einfach nicht geeignet, weil ihnen dafür grundlegendes Wissen fehlt.

Auch Uwe Rothaug von Kurtz Ersa will die Mittelschulen nicht pauschal kritisieren: "Die Mittelschulen müssen eben Kompromisse machen und auch mal ein Auge zudrücken. Sonst hat nachher nur jeder Zweite überhaupt einen Schulabschluss."

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