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Ruhestand:"Je näher mein Abschied kam, desto schwieriger wurde es"

Sonnenuntergang am Meer

Acht Stunden im Büro, fünf Tage die Woche: Wer nicht mehr arbeitet, hat plötzlich so viel Zeit wie nie zuvor.

(Foto: Matthias Balk/picture alliance / dpa)

2020 ist alles anders. Auch für Menschen, die zum letzten Mal in ihrem Leben arbeiten. Zwei Männer erzählen, wie es ist, im Corona-Jahr in Rente zu gehen.

Protokolle von Julian Erbersdobler

Irgendwann endet jedes Berufsleben. Manche können es kaum erwarten, anderen macht der Gedanke Angst. Aber wie geht es Menschen, die in diesem sonderbaren Jahr in Rente gegangen sind? Und was bleibt vom Job? Ein Industriekaufmann und ein Parkhauswächter über das Ende ihres Arbeitslebens.

Michel Grosjean, 65, Industriekaufmann:

"Ich arbeite jetzt seit über 32 Jahren für ein Augsburger Unternehmen, das Sägen für die Stahlindustrie produziert. Offiziell bin ich noch bis 31. Dezember angestellt, dann beginnt mein Ruhestand. Da ich aber dieses Jahr so wenig Urlaub hatte, habe ich bereits seit 20. November frei und bin damit schon so gut wie in Rente. Ich war für den Export zuständig, also in der ganzen Welt unterwegs. Die letzten vier Jahre bin ich meistens im Büro geblieben, da haben jüngere Kollegen den Part übernommen. Davor habe ich mich erst um Europa gekümmert, war unter anderem in England, Spanien, Schweden und Finnland. Danach war ich auch für Asien zuständig, es ging nach China, Thailand, Taiwan, Singapur.

Am meisten Eindruck hinterlassen hat eine Reise nach Indien. Während manche Menschen so arm sind, dass sie auf der Straße sterben, leben andere im reinsten Luxus. Die Kastenkultur verstärkt diese Extreme. Wenn man so etwas sieht, ändert das auch den Blick auf das eigene Leben. Man weiß noch mehr zu schätzen, was man hier hat. Und natürlich ist es auch sehr spannend, andere Kulturen kennenzulernen.

Michel Grosjean

Michel Grosjean kommt eigentlich aus Frankreich, lebt aber schon seit 1976 in Augsburg.

(Foto: oh)

Der Sohn meiner Freundin studiert in China, wir haben ihn im Oktober 2019 dort besucht. Ende des Jahres kamen dann die ersten Meldungen über das Coronavirus. Da haben wir uns zum ersten Mal Sorgen gemacht, aber weniger um uns, sondern um ihn. Wir dachten am Anfang: Das Virus wird ja nicht nach Deutschland kommen, bis irgendwann klar wurde, dass Corona uns alle beschäftigen wird. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben im Home-Office gearbeitet. Das war schon eine große Umstellung. Wenn man ins Büro fährt, hat man seinen festen Ablauf. Und man kann einfach direkt mit den Kollegen Kontakt aufnehmen. Zu Hause ist es schwieriger, das Berufsleben und das Private voneinander zu trennen - gerade am Anfang.

"Der Abschied war bestimmt nicht so, wie man sich das immer vorstellt"

Und dann war da natürlich auch noch die Sache mit meiner Rente. Meine Kollegen wussten schon länger, dass ich Ende des Jahres in den Ruhestand gehe. Natürlich hatte ich mir schon Gedanken über meine Abschiedsfeier gemacht, ein paar Worte von mir im Konferenzraum, dazu bisschen Essen und Trinken. Das ging wegen Corona alles nicht. Und je näher mein Abschied kam, desto schwieriger wurde es, irgendetwas zu planen. Die meisten waren im Home-Office. Und es durften sich auch nur zwei Mitarbeiter treffen. Meinen Arbeitsplatz habe ich schon Anfang Oktober geräumt. Damals wusste ich, dass ich nicht mehr dorthin zurückkommen werde. Der Abschied war bestimmt nicht so, wie man sich das immer vorstellt.

An dem Tag, als ich meinen Laptop zurückgebracht habe, wurde ich dann aber von meinen Kollegen überrascht. Sie haben mir ein besonderes Weißbierglas und Bierflaschen geschenkt. Und einen Gitarrenhalter. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich wurde portionsweise und damit coronakonform verabschiedet. Eine seltsame Situation, aber wenigstens das. Das war sehr schön. Sobald es wieder möglich sein wird, gehen wir zusammen essen. Wenn man so lange miteinander arbeitet, kann man nicht einfach sagen: Tschüss, schön war's!

Ein Kollege hat mir schon vor längerer Zeit einen Renten-Timer geschenkt, eine Box mit 100 Einheiten für die letzten 100 Arbeitstage. Als ich aus dem Urlaub zurückkam, stand da plötzlich dieses Teil in meinem Büro. Sehr rührend, dass er daran gedacht hat und sich dann auch noch die Zeit nimmt, das zu basteln. Die Box steht immer noch auf meinem Schreibtisch daheim. Ich schneide jeden Tag ein Stück ab, bis zum 31. Dezember."

Hartmut Tomzig, 58, Parkhauswächter:

"Ich habe mein ganzes Leben lang Schicht gearbeitet und bin dann aus verschiedenen Gründen krank geworden. Meine Knochen sind kaputt, außerdem habe ich Bronchialasthma. Deswegen konnte ich irgendwann nicht mehr arbeiten und habe Arbeitsunfähigkeitsrente beantragt. Das war so etwa vor drei Jahren. Der Beginn eines Kampfes. Erst dieses Jahr im Juli habe ich erfahren, dass ich teilweise Rente kriege, und vier Wochen später kam dann noch ein Brief.

Ich saß vor dem Computer und habe gerade eine Einkaufsliste geschrieben, als der Briefträger kam und etwas einwarf. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, nach so vielen Arztbesuchen, so vielen Briefwechseln, so vielen Enttäuschungen. Aber in diesem Brief war dann tatsächlich der Rentenbescheid drin. Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Endlich raus aus diesem ganzen Mist, endlich nicht mehr für alles Rechenschaft ablegen. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass es nicht klappt. Ich bin ja schon seit langer Zeit krankgeschrieben und habe deshalb auch kein Krankengeld mehr bekommen. Also musste ich zum Arbeitsamt, damit ich von denen Geld bekam. Und nach einer gewissen Zeit dann zum Jobcenter. Ich kam mir vor wie ein Mensch zweiter Klasse.

Hartmut Tomzig

Hartmut Tomzig arbeitet schon seit mehreren Jahren nicht mehr, in Rente ist er aber erst seit 1. September 2020.

(Foto: oh)

Corona macht das Leben für mich nicht leichter. Ich habe Asthma, dazu der Bluthochdruck, und nehme regelmäßig Medikamente. Ich wohne mit meinem jüngeren Bruder zusammen. Wir versuchen beide, nicht aus dem Haus zu gehen. Lassen uns die Einkäufe vor die Tür bringen. An Weihnachten werden wir auch nicht mit der Familie feiern. Mir ist das bisschen Leben, was ich noch habe, zu wichtig, ich will nicht das Risiko eingehen, mich irgendwo anzustecken.

Ich habe zuletzt 25 Jahre in einer Firma für Parkhausbetriebe gearbeitet, wir haben Parkhäuser betreut und bewacht. Jetzt genieße ich meinen Ruhestand, so gut es denn geht. Ohne Schmerzmittel komme ich leider nicht aus. Wir hatten damals drei Schichten: Früh-, Spät- und Nachtschicht. Man hat drei Wochen lang sieben Tage am Stück gearbeitet und hatte dann eine Woche frei. Ich habe also auch samstags und sonntags gearbeitet, immer an Weihnachten, immer an Silvester, immer an Ostern. Ich habe eigentlich nie einen Feiertag mit meiner Familie verbringen können. Das hat auf jeden Fall geschlaucht.

"Einmal bin ich sogar in einem Kiosk überfallen worden"

Unsere Aufgabe bestand darin, die Parkhäuser vollkommen in Ordnung zu halten. Das heißt: Kontrollgänge, sauber machen, mit der Kehrmaschine fahren, Mülleimer leeren. Wir haben uns einfach um alles gekümmert. Mussten auch mit den Drogensüchtigen klarkommen, die sich bei uns aufgehalten haben. Ich musste nachts ganz allein Kontrollgänge machen, in einem Parkhaus, in das 500 Autos passen, und ich wusste, dass hinter jeder Mauer irgendein Junkie mit einer Spritze stehen könnte. Das war schon heftig.

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in meinem Berufsleben schon die Polizei, Feuerwehr oder den Krankenwagen gerufen habe. Ich habe mindestens fünf Bombenalarme miterlebt. Einmal bin ich sogar in einem Kiosk überfallen worden. Aber es gab auch gute Seiten an meinem Job: Langweilig wurde mir nie. Ich habe auch immer wieder Prominente kennengelernt. Guido Westerwelle, Helene Fischer, Jürgen von der Lippe, Carolin Kebekus.

An eine Anekdote denke ich besonders gerne zurück: Es kam öfter vor, dass jemand sein Auto nicht mehr gefunden hat. Einmal hat mich ein älterer Herr deshalb angesprochen. Ich habe ihm gesagt: Wenn Sie mir die Autonummer sagen und die Farbe des Wagens, dann finden wir das. Er konnte mir aber weder das Nummernschild nennen, noch erinnerte er sich an die Farbe. Nach einer halben Stunde haben wir es dann gefunden, ein VW-Passat. Er war so glücklich, dass er mir 50 Pfennig in die Hand gedrückt hat, damals noch zu D-Mark-Zeiten. Davon könne ich mir eine Schachtel Zigaretten kaufen, sagte er. Das war großartig. Ich bin Nichtraucher und 50 Pfennig haben selbst zu dieser Zeit nicht für eine Schachtel gereicht."

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