Interview mit Nina Straßner "Wer wischt uns in 50 Jahren den Hintern ab?"

Sie sehen in Müttern als Arbeitnehmerinnen also kein betriebswirtschaftliches Risiko?

Wer sagt, dass Mütter für Firmen ein betriebswirtschaftliches Risiko sind, der sollte sich durchrechnen, was für ein betriebswirtschaftliches Risiko es ist, wenn keiner mehr Kinder bekommt. Wer kauft in zehn Jahren die Produkte des Unternehmens, wer bedient uns in 30 Jahren im Café und wischt uns in 50 Jahren den Hintern ab? Und nicht zu vergessen: Wer zahlt dann die Renten?

Derzeit wird Frauen häufig eingeschärft, doch keinesfalls zu lange auszusetzen oder Teilzeit zu arbeiten, sondern an ihre Rente zu denken.

Das ist aus der Sicht meiner Generation der zweite Schritt vor dem ersten. Dass jetzt gerade alle möglichst lange und möglichst viel arbeiten sollen, sichert die Rente für die, die demnächst in den Ruhestand gehen oder bereits drin sind. Wer jetzt im Berufsleben steht, erarbeitet sich erst mal nur Rentenpunkte. Damit die ausgezahlt werden können, muss es junge Menschen geben, die unsere Rente erwirtschaften. Zumindest wenn wir am bestehenden Generationenvertrag und der Verteilung der Renten weitere 60 Jahre politisch festhalten. Blöd, wenn diese Kinder keiner zur Welt gebracht hat - aber auch logisch. Unser aktuelles System belohnt nun mal diejenigen, die viel Erwerbsarbeit leisten und nicht diejenigen, die die Kinder aufziehen.

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Vor Kurzem hat die Bundesregierung gegen ein Rückkehrrecht auf Vollzeit für Teilzeit-Beschäftigte entschieden. Was halten Sie davon?

Ich hätte mir dieses Gesetz so sehr gewünscht, es wäre ein positives Signal für ganz viele Familien gewesen. Dass es nicht kommt, ist ein klarer Sieg der Arbeitgeber, die erfolgreich rumgeheult haben, sie könnten schließlich nicht jahrelang "Stellen freihalten". Dabei müssen sie das rechtlich überhaupt nicht und das wissen sie auch. Auf eine Stelle, die es betriebsbedingt nicht oder nicht mehr gibt, hat niemand einen Anspruch: die Schwangere nicht, der Mitarbeiter in Elternzeit nicht und auch nicht die Angestellte, die nach fünf Jahren Teilzeit nun wieder 40 Wochenstunden arbeiten will.

Was hätte das Gesetz dieser Arbeitnehmerin dann überhaupt gebracht?

Die Überprüfbarkeit. Im Moment können Unternehmen einfach sagen "sorry, geht nicht", wenn jemand gerne mehr arbeiten würde, und müssen nicht beweisen, dass es wirklich keine Vollzeitstelle gibt. Jetzt bleibt Angestellten nur, über das Allgemeine Gleichstellungsgesetz zu gehen und auf Diskriminierung zu klagen, doch das ist leider wenig aussichtsreich in dem Bereich.

Tja, und so kriegen wir die Väter im Übrigen auch nie in die so hochgelobte Teilzeit, damit sie mehr Zeit zu Hause verbringen können und Gleichberechtigung auch dort entsteht. Wenn man aus der Teilzeit-Falle nicht wieder rauskommt, ist es für die meisten Familien finanzieller Irrsinn, wenn sich beide Eltern hineinsetzen. Hier kommen wir an den Anfang des Interviews zurück: Kein Gesetz benachteiligt Frauen? Manchmal sind es fehlende Gesetze.

Was müsste sich ändern?

Wir brauchen Wahlfreiheit - echte, richtige Wahlfreiheit. Vereinbarkeit von Familie und Beruf verstehen die meisten so, dass Eltern möglichst viel arbeiten können. Es sollte aber andersherum gedacht werden: Wie ermöglichen wir möglichst vielen berufstätigen Menschen, Kinder zu bekommen, wenn sie welche möchten? In Frankreich gibt es das System des "quotient familial", das bedeutet, dass Menschen mit mehreren Kindern deutlich weniger Steuern auf ihr Einkommen zahlen. Familien brauchen das Geld nämlich sofort und nicht irgendwann als schimmelige Rentenpunkte. Die kann ich jetzt nicht verfüttern und 2040 vermutlich selbst nicht mehr essen.

Viele Leute in Deutschland bekommen kein Kind oder kein zweites, drittes, viertes mehr, weil sie glauben, es sich nicht leisten zu können, noch mal im Beruf auszusetzen. Und die Sorge ist mehr als berechtigt. Derzeit wird das Problem politisch und juristisch einfach nur effektvoll bewundert, anstatt die guten Lösungen einfach mal umzusetzen. Familienpolitik verkommt zur Minderheitenpolitik zugunsten von Mehrheiten und das ist nicht gut.

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