Interview:"Legastheniker sind ehrlicher"

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Walt Disney, Bill Gates und Richard Branson haben zwei Dinge gemeinsam: ihren beruflichen Erfolg - und ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche. Julie Logan von der Cass Business School in London erklärt, warum Manager mit Lernstörung oft so erfolgreich sind.

Juliane Lutz

Walt Disney, Bill Gates und Richard Branson haben eines gemeinsam: ihre Lese-Rechtschreib-Schwäche. Warum Legastheniker oft erfolgreicher sind als Manager ohne Lernstörung, erklärt Julie Logan, Professorin an der Cass Business School in London. Sie forscht seit zehn Jahren über Legastheniker in der Geschäftswelt.

Bill Gates, Reuters

Bill Gates ist Legastheniker. Dennoch brillierte er in der Schule und gründete mit 14 Jahren sein erstes Computer-Unternehmen.

(Foto: Foto: Reuters)

SZ: Sie haben in einer Studie herausgefunden, dass Legastheniker doppelt so häufig Unternehmer werden wie Leute ohne Lese-Rechtschreibschwäche.

Julie Logan: Legastheniker fühlen sich als Rädchen in einer Firmenstruktur oftmals sehr unwohl. Als Unternehmer und Chef können sie dagegen Dinge auf ihre Art und Weise tun. Das ist ein wichtiger Grund. In meiner Untersuchung hat sich außerdem herausgestellt, dass sie sehr häufig ein entsprechendes Vorbild in der Familie oder im Bekanntenkreis hatten. Jemand, der selbst eine kleine Firma führte. Dieser Person versuchen viele Legastheniker später nachzueifern.

SZ: Oft sind sie als Unternehmer auch sehr erfolgreich. Warum?

Logan: Viele Legastheniker scheitern trotz hoher Intelligenz in der Schule, wo man sie oft genug einfach hängenließ. Der frühe Misserfolg stachelt sie ihr ganzes Leben lang an, anderen zu zeigen, was sie können und vor allem zu beweisen, dass sie nicht dumm sind. Und sie lernen zu kompensieren.

SZ: Auf welche Art und Weise?

Logan: Indem sie zum Beispiel zu überzeugenden Rednern werden und lernen, andere für sich einzunehmen. Wer eine Firma führt, benötigt ja genau das: ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten, um Geschäftsideen erfolgreich an Investoren verkaufen zu können oder Mitarbeiter zu motivieren. Von Legasthenikern, die erfolgreich im Geschäft sind, höre ich immer wieder, dass sie gut mit Menschen umgehen können.

SZ: Sie verfügen also über eine gute Menschenkenntnis?

Logan: Ja, allein schon, um in der Schule überleben zu können, sind sie auf andere angewiesen. Sie lernen sehr früh, wem sie vertrauen können. Das kommt ihnen später zugute. Viele haben mir erzählt, dass sie rasch spüren, ob derjenige, der ihnen im Bewerbungsgespräch gegenübersitzt, einen guten Job machen wird oder nur ein Blender ist. Außerdem sind sie ehrlicher mit sich selbst.

SZ: Was bringt das für den Geschäftserfolg?

Logan: Sie kennen ihre Schwächen und wissen, dass sie diese nur kompensieren können, wenn sie Mitarbeiter mit entsprechenden Stärken einstellen. Da sie diese Leute sowieso benötigen, stellen sie gleich die jeweils Besten ein. Andere Manager scheuen sich oft, sehr gute Leute zu holen, aus Angst, sie könnten ihnen den Rang streitig machen oder sie überstrahlen. Legastheniker wissen, dass es ohne die anderen nicht geht, und verlassen sich auf ihre Intuition, die sie ein Leben lang geschult haben.

SZ: Was können Führungskräfte von Legasthenikern lernen?

Logan: Zu delegieren. Managern, die nicht unter Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden, fällt es oft schwer, Aufgaben zu übertragen. Sie haben wenig Vertrauen in die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter und mischen sich ständig ein. Auf diese Weise kann man sich aber nicht um die wirklich großen Dinge kümmern, wie zum Beispiel die strategische Ausrichtung der Firma, sich im Markt erfolgreich zu positionieren oder neue Geschäftsideen voranzutreiben.

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