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Interview:"Die Ehe leidet, wenn ein Partner zu Hause bleibt"

Fthenakis: Wir haben herausgefunden, dass die Frauen, die Familie und Beruf gut vereinbarten, auch gute Mütter sind. Die untersuchten Frauen haben sich intensiv um ihre Kinder gekümmert und diese Kinder sind gegenüber den Kindern, deren Mütter ganztags zu Hause waren, um nichts zurückgeblieben.

sueddeutsche.de: In der Bertelsmann-Studie kam heraus, dass viele Menschen Kinder für einen Karriere-Killer halten.

Fthenakis: Ich würde das nicht Killer nennen, aber ich würde Kinder schon als ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Karriere ansehen. Daraus erklärt sich auch, dass viele Männer die Kinderlosigkeit bevorzugen und warum akademisch ausgebildete Frauen sich nicht auf ein Kind einlassen.

sueddeutsche.de: Worauf sollten junge Paare achten, die Kinder und Karriere haben wollen?

Fthenakis: Sie sollten auf die Qualität ihrer Beziehung achten. Denn die tragende Säule des Familiensystems ist nicht mehr die Eltern-Kind-Beziehung, sondern die Qualität der Partnerschaft. Sie sollten sich Zeit nehmen für die Pflege der Partnerschaft, auch dann, wenn es auf Kosten anderer geht. Sie sollten mittelfristige Entwürfe entwickeln für die Balance zwischen Erwerbstätigkeit und familiärer Verantwortung. Und drittens sollten sie auf Ressourcen zurückgreifen: Tagespflege, Krippe oder verwandtschaftliche Netze, denn die Kinder können davon profitieren. Jedenfalls sollten sie sich von der Ideologie befreien, dass ein zu Hause verbleibendes Elternteil in allen Fällen die überlegeneren Bedingungen für das Kind bietet.

Wassilios Fthenakis ist Pädagoge, Anthropologe, Genetiker und Psychologe. Er lehrt als Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen in Italien. Fthenakis ist Mitglied der Familienkommission der Bertelsmann Stiftung. Er ist außerdem Sachverständiger des Bundesverfassungsgerichts in Fragen des Kindschaftsrechts und Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats der LBS-Initiative "Junge Familie".