Bildungsforscher Klemm:Zu spät für eine neue Lehrerausbildung?

Klemm: Das wird nicht passieren. In Berlin wechseln sieben Prozent der Schüler nach der vierten Klasse aufs Gymnasium, die große Mehrheit erst nach sechs Jahren. Studien haben gezeigt, dass die Lernentwicklung der Kinder, die länger die Grundschule besuchten, in keiner Weise der Entwicklung der Schüler nachsteht, die schon nach der vierten Klasse wechselten.

Bildungsforscher Klaus Klemm

Bildungsforscher Klaus Klemm lehrt als Professor für Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Bildungsforschung/Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen.

(Foto: privat)

sueddeutsche.de: Wer in Deutschland das Gymnasium verändern möchte, muss mit riesigem Widerstand rechnen. Ist diese Sonderrolle des Gymnasiums gerechtfertigt?

Klemm: Das Argument ist immer, wir brauchen das Gymnasium, um unsere Leistungsspitze nachzubesetzen. Aber im internationalen Vergleich ist unser Gymnasium nicht besser als Schulmodelle aus dem Ausland. Die 30 Prozent der Besten in Deutschland sind nicht besser als die 30 Prozent der Besten im Ausland, wo es womöglich nur eine einzige Schule für alle gibt. Deshalb hat das Gymnasium seine Stellung eigentlich nicht verdient. Weniger als von der Struktur des Schulsystems hängt die Leistung der Schüler von pädagogischen Modellen ab.

sueddeutsche.de: Wie müsste sich die Lehrerausbildung ändern, um eine bestmögliche Förderung aller Schüler in einer gemeinsamen Schulform zu garantieren?

Klemm: Sie müsste einen stärkeren pädagogischen Schwerpunkt haben. Wir bilden heute noch immer Mathematiker und Biologen statt Mathematik-Lehrer und Biologie-Lehrer aus. Lehrer müssen schon in der Ausbildung lernen, wie man mit heterogenen Bildungsgruppen arbeitet. Um diesen Wandel in den Studienplänen umzusetzen, ist es allerdings jetzt zu spät. Bis die ersten Lehrer nach den neuen Prinzipien auf den Arbeitsmarkt kämen, vergehen mindestens 15 Jahre. Und bis dahin sind alle nötigen Stellen schon besetzt. Diese Entwicklung haben wir verschlafen.

© sueddeutsche.de/joku/bön
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