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Internationales Internatsdorf:Einer für alle - alle für einen

Die Ecole d'Humanité in der Schweiz pflegt eine außergewöhnliche Pädagogik sowie ein intensives Gemeinschaftsleben. Letzteres ist nicht nur wegen Corona für Schüler, Lehrer und Erzieher eine Herausforderung.

Von Stephanie Schmidt

Drehung linksherum, dann rechtsherum - und weiter geht's zum nächsten Tanzpartner. Gemeinsamer Tanzabend auf dem zentralen Schulplatz unter freiem Himmel - so etwas darf man nicht verpassen. Alle Generationen tanzen hier im Schweizer Haslital miteinander Volkstänze aus der ganzen Welt. Die Kinder und Jugendlichen, die mitmachen, stammen aus mehr als 20 verschiedenen Nationen. Alle sind froh, dass sie nach der mehrwöchigen coronabedingten Pause im Frühling inzwischen wieder gemeinsam tanzen dürfen - auch dank eines ausgeklügelten Hygienekonzepts.

Dieser gemeinsame Tanzabend, der jeden zweiten Samstag stattfindet, hat Tradition an der Ecole d'Humanité im Kanton Bern und ist ein Symbol dieser besonderen Lernfamilie, in der Schule, Familienleben und Freizeit miteinander verschmelzen. 120 Schülerinnen und Schüler im Alter von elf bis 20 Jahren leben in der Gemeinde Hasliberg, deren vier Ortsteile auf einer Höhe von 1000 bis 1200 Metern liegen und die man in circa einer halben Stunde Autofahrt von Interlaken aus erreicht. Sie wohnen in Chalets in Patchworkfamilien zusammen, zu denen auch die Lehrer und deren eigene Kinder gehören. In dieser Gemeinschaft bleiben die Ecolianer, wie die Schüler hier genannt werden, in der Regel auch am Wochenende; Tagesschüler, die nachmittags zu ihren Eltern zurückkehren, sind hier die Ausnahme.

"Werde der, der du bist." Das Motto des Schulreformers Paul Geheeb zählt noch immer

Die Lehrer unterrichten auf Deutsch und auf Englisch, je nachdem, ob sich die Schüler für das Schweizer oder für das US-amerikanische Schulsystem entschieden haben. Vorwiegend diese beiden Sprachen werden auch in den 13 Familien der Gesamtschule gesprochen, in denen zwei bis drei Erwachsene mit sechs bis zwölf Kindern und Jugendlichen zusammenleben. "Wir Lehrer sind hier auch Erzieher und Familienoberhäupter", erklärt Elisabeth Wäschenfelder, 50. Sie ist die didaktische Leiterin des Schweizer Schulsystems an der Ecole. "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, heißt es hier bei uns", sagt sie auf dem Weg zur Balustrade eines Holztürmchens mit Glocke, das aus nostalgischen Gründen stehen blieb. Es bildete einst die Spitze des ersten Internatshauses, das vor knapp 75 Jahren erbaut wurde.

Von dort sieht man einige der holzverkleideten Häuser des Internatsdorfs mit seinen kleinen Brunnen und Gemüsegärtchen. Typisch sind in dieser Urlaubsregion, die viele Skifahrer und Wanderer anzieht, auch Häuser mit einem Schuppenkleid aus Holz. Zu zweit leben die Schüler in einfachen Zimmern, in die oft nicht viel mehr hineinpasst, als ein Bett, ein Schreibtisch und ein Schränkchen. Dafür entschädigen die saubere Luft und das Bergpanorama mit Blick auf die Wetterhorngruppe und die Engelhörner. Vom Türmchen blickt man auch auf die gezackte Silhouette des Rosenlauigletschers oder den Lagerfeuerplatz und einen weiteren Treffpunkt mit überdachtem Pizzaofen. "Mittwoch ist Familienabend", erklärt Wäschenfelder, "eine gemeinsame Aktion kann dann sein, gemeinsam eine Pizza zu backen."

1934 hatten der deutsche Reformpädagoge Paul Geheeb und seine Frau Edith Geheeb-Cassirer die Ecole d'Humanité in der französischen Schweiz gegründet, die zwölf Jahre später ihren endgültigen Platz im Bergdorf Goldern fand. In einem Schuldorf ohne Einfriedung, dessen Gebäude von Wiesen, Wald und Gipfeln umgeben sind. Ein Gegenmodell zu den damals üblichen Paukschulen. Was die Wahl ihrer Fächer angeht, haben die Schüler auch heutzutage deutlich mehr Freiheiten als an Regelschulen. "Vormittags haben sie von acht bis zwölf Uhr Unterricht und können dafür drei verschiedene Fächer frei wählen", sagt Wäschenfelder. "Wir beraten die Jugendlichen und bemühen uns, ihnen ihre Herzenswünsche zu erfüllen."

Noten gibt es keine. Stattdessen erhalten die Schüler differenzierte Berichte. Aus ihnen lassen sich Schwächen sehr wohl herauslesen. "Außerdem geben wir sehr viel Feedback", führt Wäschenfelder aus. Das alles klingt angenehm, aber im Gespräch fällt bald auch das Wort "Notwendigkeiten". Denn wer einen Abschluss machen möchte, etwa die Schweizer Matura, muss sich an feste Unterrichtspläne und die Vorgaben des Kantons Bern halten: Viele Schüler bereiten sich auf das Advanced Placement International Diploma (APID) vor. "Mit der richtigen Kurskombination beim APID kann man in verschiedenen europäischen Ländern studieren", sagt Wäschenfelder. Gelernt wird in Kleingruppen von vier bis maximal zwölf Schülern. Am Nachmittag bietet die Ecole ein breit gefächertes Aktivprogramm an. Den Pädagogen hier sei wichtig, wie der Einzelne seine Persönlichkeit weiterentwickle, ob er Herausforderungen annehme. Aber auch das Verhalten in der Gruppe zählt. "Wir wollen den Schülern Solidarität und Kooperation beibringen", betont Internatsleiter Christian Löffler, 34. Der Mathe- und Sportlehrer tüftelt akribisch an den Wohnplänen für die jeweiligen Mitglieder der Internatsfamilien: Gibt es in einem Haus Probleme, können Rollenspiele bei der Lösung helfen. Zudem sind bei Bedarf Schüler-Mediatoren im Einsatz.

"Das Zusammenleben hier ist intensiv", sagt der Schüler Elias Emödy, "da bröckelt die Maske. Wenn du ein Problem mit jemandem hast, kannst du ihm nur schwer aus dem Weg gehen." Im kürzlich zu Ende gegangenen Schuljahr genoss er das Privileg, zu zweit unterrichtet zu werden. "Das ist wie Privatunterricht", sagt der 19-Jährige, der im Einzelzimmer wohnt, was älteren Schülern vorbehalten ist, und im Frühjahr 2021 die Schweizer Matura in der Tasche haben will. "Ich war depressiv, als ich vor zwei Jahren hierherkam", erzählt er offen, "aus dem normalen Gymnasium bin ich rausgefallen. Früher hab' ich nie die Hausaufgaben gemacht." Das ist jetzt anders. Wer mit ihnen nicht weiterkommt, kann im neuen Lernzentrum der Ecole mit Bibliothek, eine moderne Konstruktion aus Glas und Holz, die Hausaufgabenhilfe in Anspruch nehmen. "Werde der, der du bist", lautete das Leitmotiv von Paul Geheeb, das noch heute gilt. Elias hat seinen Weg gefunden, und er hat auch ein Ziel für sein Leben nach der Matura: "Ich möchte Pädagogik studieren und in einen Beruf in diesem Bereich gehen."

Seine Lehrer duzt er; überhaupt duzt hier jeder jeden. Der Umgang in der Gemeinschaft ist locker. Gute Tischmanieren spielen an der Schule keine große Rolle, welche Kleidung man trägt auch nicht. Das gefällt Athana Naji, deren Mutter aus der Schweiz und deren Vater aus Lybien stammt, ebenso wie das Interesse der Lehrer an ihren persönlichen Neigungen. Bevor ich an die Ecole kam, war ich an fünf verschiedenen Schulen", erzählt die 17-Jährige, "überall wurde man mit so vielen Fächern pro Tag zugemüllt." Sie vermisst es aber, "spontan mit Freunden auszugehen oder bei ihnen zu übernachten, das geht nur zu Hause in Solothurn, in den Ferien. Dafür kann ich hier klettern und Freeriding und Gletschertouren machen."

Bevor die Schule einen jungen Menschen aufnehmen könne, sei ein gemeinsamer Besuch mit den Eltern üblich, auch Probewohnen sei möglich, sagt Schulleiterin Katja Braun, eine Frau mit lebhaften braunen Augen. 2017 zog sie aus Tübingen in die Schweizer Alpen. Eine schmale knarzende Holztreppe führt in ihr Büro im Haupthaus: Neben selbstgebastelten Tierfiguren aus Papier stapeln sich dort Bücher und Dokumente. "Außerdem brauche ich ein Motivationsschreiben von dem Kind, in dem es klar sagt, dass es zu uns kommen möchte. Aber da darf auch drinstehen, wenn ihm etwas nicht so gefällt", fügt Braun hinzu, die unter anderem Deutsch und Geografie unterrichtet. Im Schuldorf leben Hochbegabte ebenso wie Jugendliche mit Lernschwäche. Kinder mit AHDS sind bislang ebenso aufgenommen worden wie solche, die unter Autismus leiden. Allerdings könne man nicht jedem Kind helfen, seinen Weg zu finden. Sehr vorsichtig ist Braun, wenn sich Mädchen vorstellen, die ihre Magersucht noch keineswegs überwunden haben. "Wir sind keine Heileinrichtung", betont sie.

Während des Lockdowns im Frühjahr unterrichteten die Lehrer in 14 Zeitzonen

Die 48-Jährige hat ein Schuljahr hinter sich, das kaum herausfordernder hätte sein können. "Zu Beginn der Corona-Krise mussten wir erst mal schauen, dass wir die Schüler in die Flieger kriegen", berichtet Braun. Mitte März schickte sie sie nach Hause. Zeitpunkt der Rückkehr: ungewiss. Und wie würde es wohl mit dem Homeschooling klappen? Da hatte das Internat immerhin einen großen Vorteil gegenüber anderen Schulen: Kurz vor Beginn der globalen Krise waren die Eleven in die Funktionen von Google-Chromebooks eingeführt worden. "Während der Krise haben wir das Konzept des Google-Classroom, mit dem wir vorher schon gearbeitet haben, professionalisiert und einige Apps hinzugefügt", so Braun. Wie man online Aufgaben einstellt, bearbeitet und kommentiert, damit hatten Lehrer und Schüler schon eine gewisse Erfahrung, als es ernst wurde. Trotzdem - eine anstrengende Zeit: "Unsere Lehrer haben Unterricht in 14 verschiedenen Zeitzonen gemacht und teilweise dreimal am Tag dasselbe erzählt." Rückblickend sagt sie: "Wir konnten das Online-Lernen ganz gut machen, weil wir uns gut kennen". Aber man sehe am Bildschirm nicht: "Wie geht es dem Kind?"

Sie war froh, 90 Prozent der Schüler Ende Mai wieder zurückholen und Präsenzunterricht halten zu können. Aber die üblichen Hygieneregeln genügten ihr dafür noch nicht. Braun ersann ein Konzept für eine zweiwöchige Isolation nach der Ankunft. "Jede Familie blieb in ihrem Haus, und die Schüler hatten in ihren Zimmern Online-Unterricht." Um keinen Frust aufkommen zu lassen, organisierten die Pädagogen Online-Rätselabende. Die erste wie die zweite Isolationsphase zu Beginn des neuen Schuljahrs Anfang September, zu der ein spezielles Freizeitprogramm gehörte, meisterten die Ecolianer gut.

Die Pädagogen achten nicht auf die Stunden, die sie im Einsatz sind. Arbeit, Leben und Freizeit verschwimmen miteinander wie die Konturen der Chalets, der Berge und Wälder an einem Schlechtwettertag. Das muss man wollen. Und akzeptieren, dass die Gehälter niedriger sind als an Schweizer Regelschulen. "Weshalb wir das hier machen, ist Passion", sagt Katja Braun, und Elisabeth Wäschenfelder pflichtet ihr bei. Die pädagogischen Erfolge geben ihnen viel, wie sie sagen: zu sehen, wie sich ein einst zielloser junger Mensch auf einmal mit Freude auf den Schulabschluss vorbereitet. Und wenn ein Jugendlicher aus den Arabischen Emiraten, der zu Hause immer bedient wurde, auf einmal lernt, mit anzupacken. "Einfach köstlich", erzählt Wäschenfelder, "wie er zu uns kam und stolz erzählt hat: ,Wisst ihr was, ich habe den Tisch im Speisesaal abgeräumt.' Das Beste war, dass er dabei über sich selbst ganz erstaunt war."

Das Schulgeld beträgt 56 000 Schweizer Franken pro Jahr, inklusive Unterkunft, Betreuung und Verpflegung. Die Stiftung Ecole fördert Jugendliche, die bestimmte Begabungen haben, mit Teilstipendien; nähere Informationen: www.ecole.ch

© SZ vom 18.09.2020
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