Süddeutsche Zeitung

Schuldnerberater:"Hierzulande ist man mit einer Insolvenz unten durch"

Wer als Selbstständiger scheitert, erlebt nicht nur eine berufliche Bruchlandung. Aus Scham verschweigen viele die Insolvenz sogar vor der Familie, sagt Roland Dingerkus. Dabei könnte mehr Offenheit einiges erleichtern.

Interview von Sigrid Rautenberg

Roland Dingerkus, 59, ist Sozialarbeiter und war lange in der kirchlichen Schuldnerberatung tätig. 2003 gründete er die S. I. B., die Schulden- und Insolvenzberatung Solingen. Dort berät er vor allem Selbständige, Freiberufler sowie kleinere und mittlere Unternehmen.

SZ: Werden Sie schon überflutet von Corona-Krisen-Anrufen?

Roland Dingerkus: Nein, gar nicht, das irritiert mich selbst. Diejenigen, die vorher schon Probleme hatten, scheinen in Schockstarre. Alle anderen rödeln, um ihren Betrieb zu halten. Die IHKs, Arbeitsagenturen und Wirtschaftsförderungen werden gerade bombardiert mit Anfragen. Ich stehe bereit und möchte helfen, auch gerne kostenlos. Insgesamt sehe ich die Situation übrigens gar nicht so schwarz - zwei bis drei Monate wird das mit den staatlichen Hilfen und durch Entgegenkommen der Gläubiger wie Vermieter, Lieferanten oder Darlehensgeber schon funktionieren. Man darf jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken.

Wer kommt normalerweise zu Ihnen?

Viele, die schnell Hilfe brauchen. Überschuldete Menschen stehen unter großem Druck. Bei den gemeinnützigen Schuldnerberatungen müssen sie mitunter bis zu ein Jahr auf einen Termin warten, und oft werden dort auch nur Privatverbraucher beraten. Unternehmer und Selbständige fallen so durchs Raster.

In welcher Situation befinden sich die Menschen?

Gerade Selbständige fallen sehr tief. Für sie ist Insolvenz oft ein Tabuthema, viele verlieren ihren Freundeskreis. Hierzulande ist man mit einer Insolvenz unten durch. Aber vieles passiert im Kopf der Menschen und wäre weniger dramatisch, wenn sie offen gegenüber ihrer Familie wären. Oft sprechen sie mit niemandem, weil sie nicht wissen, wem sie trauen können. Die allermeisten leiden sehr unter dem Absturz, auch psychisch.

Wie reagieren Sie?

Als Sozialarbeiter kann ich die persönliche Ebene nicht unter den Tisch kehren. Ich rede mit ihnen darüber, wie sie aus der Situation herauskommen, wo sie Rat holen oder wen sie einbeziehen können. Oft weiß der Partner gar nichts von der Krisensituation. Gerade Männer wollen das mit sich allein ausmachen, sie haben Angst vor Entwertung. Aber unternehmerisches Handeln birgt immer ein Risiko. Als Unternehmer zu scheitern, heißt ja nicht, als Mensch zu scheitern.

Wie läuft die Beratung ab?

Zunächst lasse ich mir erzählen, wie sich die Selbständigkeit entwickelt hat. Ich frage nach Vermögen und Schulden, erst später nach der betriebswirtschaftlichen Auswertung. Im ersten Gespräch verlasse ich mich auf die Einschätzung des Mandanten: Glaubt er, dass seine Firma zu retten ist? Ist sein Geschäftsmodell - angenommen, es gäbe keine Schulden - noch tragfähig? Oft reißen neue Schulden neue Löcher auf, nur um alte zu stopfen. Wer sagt, er will weitermachen, schafft es in der Regel auch. Und ein Insolvenzverfahren bedeutet ja nicht automatisch das Ende: Möglich ist sowohl eine Fortführung der Selbständigkeit als auch die Anmeldung eines neuen Gewerbes. Hierzu berate ich natürlich auch.

Woran merkt man, dass es nicht mehr geht?

Viele verdrängen das so lange wie möglich. Es ist immer der Druck von außen, der den Schalter umlegt. Etwa durch eine Kontopfändung, gerade Finanzamt oder Sozialversicherung sind sehr schnell damit. Dann ist der Selbständige nicht mehr liquide, kann keine Ware mehr einkaufen, seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Geldeingänge gehen direkt an die pfändenden Gläubiger. Es wird fast unmöglich, die Krise durch Umsatzsteigerung zu überwinden.

Was sind die größten Risikofaktoren für eine Insolvenz?

Viele Leute haben eine gute Idee und sind oft sehr gut in dem, was sie tun. Aber sie sind schlecht in BWL, kalkulieren falsch, vergessen die Umsatzsteuer. Das Buchhalterische fehlt leider sehr oft. Nicht jeder schafft es, sich betriebswirtschaftliches Know-how anzueignen. Aber Idee und Leistung sind nur die halbe Miete, man muss auch dafür sorgen, dass Geld reinkommt. Riskant ist auch, sich nur auf einen Kunden oder Partner zu verlassen. Und natürlich muss die Familie oder der Lebenspartner dahinterstehen. Sich gegen familiären Druck selbständig zu machen, wird nicht gutgehen.

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Quelle:
SZ vom 28.03.2020
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