Initiative der Morgenmuffel Von A-Menschen und B-Menschen

In Dänemark wehren sich tausende Langschläfer gegen den Zwang, früh zu arbeiten. Ihr Motto: "Lasst die Leute um 11 zur Arbeit gehen!"

Dänemarks Morgenmuffel haben dem Horror des Wecker-Klingelns vor einem frühen Arbeitsbeginn den Kampf angesagt. "Warum sollen wir uns Arbeitszeiten wie einst die Mönche und die Bauern aufzwingen lassen, wenn das im Computer-Zeitalter doch völlig überflüssig ist?" fragt die Ingenieurin Camilla Kring (29) und bläst mit der "B-Gesellschaft" zum Generalangriff auf die "Tyrannei der Frühaufsteher".

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Neben Leidensgenossen und -genossinnen erhält sie Unterstützung auch von Wissenschaftlern, Politikern und nicht zuletzt Arbeitgebern: Die Kopenhagener Stadtverwaltung bereitet spezielle Job-Angebote für chronische Langschläfer vor.

Sechs Prozent der Bevölkerung macht nach Meinung des dänischen Schlafforschers und Neurologen Morten Møller der harte Kern der Morgenmuffel aus, die ohne Vergewaltigung ihrer selbst nicht früh aufstehen und schon gar nicht frühmorgens bei der Arbeit funktionstüchtig sein können. Auf 15 bis 25 Prozent schätzen die Wissenschaftler den Anteil der Gesamtgruppe an "B-Menschen" an der Bevölkerung. So nennen die Dänen Langschläfer, die ganz einfach viel besser funktionieren, wenn sie ein bisschen länger in den Federn bleiben können.

Weil aber auch in Dänemark das Arbeitsleben und Kindergärten, Schulen, Geschäfte sowie öffentliche Einrichtungen nach wie vor für Frühaufsteher (in Dänemark die "A-Menschen") eingerichtet sind, leiden viele Langschläfer bitterlich. "Ich muss Unmengen Kaffee, Cola und Nikotin einnehmen, damit ich vor zwölf auch nur einigermaßen in Gang komme" berichtet der Werbefachmann und Schriftsteller Knud Rømer. Klingele der Wecker vor sieben, sei er sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen habe. Bei Weckerrasseln vor neun Uhr gebe es nicht die geringste Aussicht auf einen "Tag des Gelingens".

Jung-Ingenieurin Kring sieht kein Hindernis dafür, dass eine moderne, reiche und technisch bis in die Fingerspitzen hochgerüstete Gesellschaft wie Dänemark sich nicht viel mehr als bisher auf die Grundbedürfnisse von Langschläfern einrichten kann. "Lasst die Leute um 11 zur Arbeit und um 8 nach Hause gehen", heißt es auf der Internetseite http://b-samfund.dk. Heute gehe es im Arbeitsleben um Ideen, Kreativität, Innovation. Und deshalb auch "darum, dass die Menschen arbeiten, wenn sie am kreativsten sind." In der Realität aber sei die Gesellschaft weiter vollständig nach den Bedürfnissen derer eingerichtet, die von acht bis 16 Uhr arbeiten: "Holt man ein Kind nach fünf Uhr nachmittags aus dem Kindergarten ab, gilt man schon als Schwerverbrecher."

Die Dänin brachte ihre Thesen zuerst nur auf der Kuriosa-Seite der Zeitung "Politiken"" unter. Doch das änderte sich schnell. Innerhalb einer Woche hatte sie 3 000 neue Mitglieder in ihrer "B-Gesellschaft" und ausdrückliche Unterstützung von Dänemarks Familienministerin Carina Christensen gewonnen: "Wir leben alle besser, wenn unser Dasein nicht dauernd von einem Wecker fremdbestimmt wird."

Auch Vertreter der dänischen Arbeitgeber stellten sich ohne den geringsten Hauch von Spott oder Sarkasmus hinter die Anliegen der organisierten Morgenmuffel. Bei nur 3,9 Prozent Arbeitslosen und akutem Arbeitskräftemangel in fast allen Branchen müssen alle Reserven mobilisiert werden. "Langschläfer sind bei uns im Pflegesektor hochwillkommen", meinte der Kopenhagener Personalchef Kim Maskell und kündigte neue Arbeitszeitmodelle an. Camilla Kring geht es aber nicht nur im Jobs: "Wir müssen davon wegkommen, dass Frühaufsteher gegenüber Langschäfern als bessere Menschen gelten."