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In Teilzeit studieren:Keine halbe Sache

Immer mehr Menschen absolvieren mittlerweile ein Teilzeit-Studium. Doch die absolute Anzahl ist im Vergleich zu Vollzeit-Studierenden noch immer niedrig. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Von Christine Demmer

Etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Diese Form der Beschäftigung ist beliebt bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern und darum seit jeher etabliert. Weitaus ungewöhnlicher ist es, in Teilzeit zu studieren. Beim Teilzeit- oder Parttime-Studium berücksichtigt die Hochschule, dass die Studierenden neben dem Studium noch andere Verpflichtungen haben. Manche gehen während der akademischen Ausbildung weiterhin einem Beruf nach, andere betreuen Kinder oder pflegen Angehörige. Vollzeit-Studierende gelangen zwar in der Regel in kürzerer Zeit zum gleichen Abschluss. Aber dafür ist für Teilzeit-Teilnehmer die Anzahl an Kursen, Prüfungen und Klausuren im Semester deutlich reduziert.

Trotzdem und anders als in den USA, wo sich fast jeder dritte Student online - das ist mittlerweile beim Teilzeitstudium praktisch überall auf der Welt so üblich - auf seinen Abschluss vorbereitet, stagniert der Anteil der Teilzeit-Studierenden in Deutschland bei weniger als zehn Prozent. Nur 7,5 Prozent beziehungsweise jeder dreizehnte aller an einer Hochschule immatrikulierten Studierenden ist in einem solchen Programm eingeschrieben.

Und doch sind diese bescheidenen 7,5 Prozent neuer deutscher Rekord. Denn zum Wintersemester 2018/19 studierten laut Statistischem Bundesamt rund 214 000 Menschen offiziell in Teilzeit - 11 000 Menschen mehr als im Vorjahr, weshalb die Teilzeitquote damals nur bei 7,1 Prozent lag. Mit 100 000 Studierenden ist circa die Hälfte aller Teilzeit-Studierenden an einer Hochschule in Nordrhein-Westfalen eingeschrieben. Schlusslicht ist demnach das Saarland mit offiziell 121 Teilzeit-Studierenden, was einer Quote von 0,4 Prozent entspricht.

Vermutlich würden noch mehr Menschen nach Feierabend studieren, gäbe es mehr Studienangebote für Berufstätige an den staatlichen Hochschulen. Davon jedenfalls sind die Bildungsexperten am CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh überzeugt. Seit 2017 verfolgt das Team des Studienleiters Cort-Denis Hachmeister die Entwicklung von Angebot und Nachfrage sowie die Rahmenbedingungen des Teilzeitstudiums in Deutschland. Die jüngsten Zahlen lassen laut CHE nur einen Schluss zu: Das berufsbegleitende Hochschulstudium sei trotz aktuellem Höchststand noch immer nicht in den Bildungsbiografien der Arbeitnehmer verankert.

In Stein gemeißelt ist die aktuelle Zahl von 214 000 Teilzeit-Studierenden allerdings nicht. Um auf die wahre Anzahl zu kommen, muss man auch diejenigen dazurechnen, die zwar in einem Vollzeit-Studiengang eingeschrieben sind, aber weniger intensiv und länger als vorgesehen mit ihrer akademischen Ausbildung beschäftigt sind und folglich die Regelstudienzeit überschreiten. Mit diesen De-facto-Teilzeitstudierenden, deren Anzahl sich freilich nur schätzen lässt, liege der Anteil deutlich höher, erklärt das Gütersloher Institut.

Die zeitliche und örtliche Flexibilität, die E-Learning mit sich bringt, eignet sich insbesondere fürs Parttime-Studium gut: Denn auf diese Weise klappt es häufig einfacher, sich neben der Weiterbildung um Job und Familie zu kümmern.

(Foto: Andrey Popov/imago)

Dass das Teilzeitstudium überhaupt eine Fangemeinde in Deutschland gefunden hat, ist den privaten Hochschulen zu verdanken. Viele von ihnen bieten sogar ausschließlich Parttime-Programme an. Jeder zweite Teilzeitstudierende greift denn auch auf ein kostenpflichtiges Studienangebot einer privaten Hochschule zurück. Unter den 14 größten Anbietern von Hochschulprogrammen, in denen jeweils mehr als 2000 berufstätige Studierende registriert sind, finden sich lediglich vier staatliche Hochschulen. Im aktuellen Wintersemester 2020/21 liegt der Anteil an Teilzeitstudiengängen an staatlichen und privaten Hochschulen bei 16,1 Prozent, das sind 2,2 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Damit steht lediglich jeder sechste Studiengang in Deutschland auch Studierenden in Teilzeit offen.

Anders als bei der Nachfrage nach Teilzeitstudien rangiert beim Angebot das Saarland vorne - es ist im Ländervergleich sogar Spitzenreiter. Dort können zwei von drei Studienangeboten (67,1 Prozent) auch in Teilzeit studiert werden. Hamburg und Brandenburg folgen mit 53,8 und 46,4 Prozent. In fünf Bundesländern liegt der Anteil an Teilzeitangeboten bei weniger als zehn Prozent. Die geringste Quote weist Bremen mit 2,1 Prozent auf.

Das Studienangebot im Bereich Teilzeit ist an Universitäten mit 17,2 Prozent etwas umfangreicher als das an Fachhochschulen mit 13 Prozent. Im Master-Bereich (19 Prozent) haben Menschen, die berufsbegleitend studieren möchten, eine größere Auswahl als im Bachelor-Bereich (14,3 Prozent). In den Gesellschafts- und Sozialwissenschaften besteht die Teilzeit-Option in jedem fünften Studiengang. Die geringsten Anteile weisen mit 7,7 Prozent die Agrar- und Forstwissenschaften auf.

Neben dem geringen Angebot an Parttime-Studiengängen an öffentlichen Hochschulen hat Cort-Denis Hachmeister vom CHE einen zweiten Grund für die Zurückhaltung weiterbildungswilliger Arbeitnehmer ausgemacht: die Kosten. Denn eine finanzielle Unterstützung des Staates nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) steht nur Schülern und Vollzeit-Studierenden zu. "Ein Teilzeitstudium dürfte für viele meist deutlich teurer sein als ein Vollzeitstudium", sagt Hachmeister. "Selbst bei den kostenfreien staatlichen Studiengängen macht sich der fehlende BaföG-Anspruch bemerkbar."

© SZ vom 05.03.2021
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