Süddeutsche Zeitung

Angestellter zeigt Kündigung im Netz:"Fühlt sich gut an, es meinem Chef heimzuzahlen"

Lesezeit: 4 min

"Sie behandeln uns wie Dreck": Überlange Arbeitszeiten und tyrannische Chefs - ein 23-jähriger Hotelangestellter in den USA wollte sich das nicht mehr gefallen lassen. Bei seiner Kündigung ließ er es richtig krachen und stellte ein Video davon ins Netz. Mit sueddeutsche.de sprach er über den Kampf gegen miese Arbeitsbedingungen, Rachegefühle und die Reaktion seines Ex-Arbeitgebers.

Barbara Galaktionow

Joe "Joey" DeFrancesco hat gekündigt - und alle Welt kann sehen wie. In einem vor wenigen Tagen bei YouTube eingestellten Video begleitet die Kamera den 23-Jährigen bei dieser Aktion. Zunächst erläutert er vor dem Hotel Renaissance in Providence, Rhode Island, das zur Marriott-Gruppe gehört, seine Absicht. Er habe dreieinhalb Jahre in dem Hotel gearbeitet. Nun werde er hineingehen, um zu kündigen, denn - leicht geschönt übersetzt: "Sie behandeln uns wie Dreck hier." Dann setzt er sein Vorhaben in die Tat um - im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten, denn seine Brass Band begleitet ihn. Im Gespräch mit sueddeutsche.de erläutert Joey, was ihn zu seiner spektakulären Kündigung trieb und ob er jetzt Angst haben muss, nie wieder einen Arbeitsplatz zu finden.

sueddeutsche.de: Sie haben Ihren Job gekündigt, diesen Vorgang gefilmt und bei YouTube eingestellt. Wie fühlen Sie sich?

Joe DeFrancesco: Es fühlt sich wirklich großartig an. Wissen Sie, ich verabscheue den Vorgesetzten wirklich, dem ich im Video die Kündigung übergebe. Er hat mich mit solcher Geringschätzung behandelt. Es fühlt sich einfach gut an, ihm das auf diese Art in gewisser Weise heimzuzahlen.

sueddeutsche.de: Wo genau haben Sie denn gearbeitet?

DeFrancesco: Ich habe im Marriott Renaissance Hotel in Providence, Rhode Island, gearbeitet, ich war dort im Zimmerservice beschäftigt, habe also Essen und Getränke auf die Zimmer gebracht.

sueddeutsche.de: Warum verdient es das Hotel Ihrer Ansicht nach, in dieser Weise als schlechter Arbeitgeber bloßgestellt zu werden?

DeFrancesco: Es geht nicht bloß um mich. Die Arbeitsbedingungen waren grundsätzlich miserabel. Manchmal hat man um fünf Uhr morgens angefangen und dann zwei oder drei Schichten gearbeitet - zum Teil ist man erst nach Mitternacht wieder herausgekommen. Eine Zeit lang hat das Hotelmanagement illegal das Trinkgeld der Angestellten einkassiert. Die Zimmermädchen (Housekeeper) mussten oft 16, 17 oder sogar 18 Zimmer in nur neun Stunden saubermachen. Wenn sie das nicht geschafft haben, wurden sie niedergemacht. Sie wurden richtig angeschrien - zum Teil täglich. In der Service-Industrie in den USA wird derzeit verstärkt versucht, Gewerkschaften zu etablieren - denn in diesem Wirtschaftszweig können Arbeitgeber nicht mit Abwanderung ins Ausland drohen. Auch wir haben versucht, uns gewerkschaftlich zu organisieren, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Folge war, dass das Hotel Mitarbeiter aus vorgeschobenen Gründen gefeuert hat. Viele meiner Freunde wurden vor die Tür gesetzt. Auch ich wurde schikaniert: Manchmal haben sie mir Schichten weggenommen, so dass ich nur eine Schicht in der Woche hatte - die nächste Woche musste ich dann plötzlich acht Schichten abrackern.

sueddeutsche.de: Die Veröffentlichung des Videos ist also auch ein politisches Statement?

DeFrancesco: Definitiv. Sicher, das Video ist witzig, ein bisschen albern vielleicht - aber nicht nur, es ist mehr als das. Ich versuche klarzumachen, dass man mit Konsequenzen rechnen muss, wenn man seine Arbeitnehmer nicht anständig behandelt.

sueddeutsche.de: Sie haben mehr als drei Jahre in dem Hotel gearbeitet. Gab es einen speziellen Grund, warum Sie gerade jetzt gekündigt haben?

DeFrancesco: Insgesamt war es ein langer Prozess, der mich dahingebracht hat. Auslöser war allerdings ein besonders schlechter Tag: Ich hatte 14 Stunden gearbeitet, ich war krank und so was von angepisst. Dann hat sich meine Band, die What Cheer! Brigade, getroffen, um ein Konzert zu geben, und da habe ich gesagt: 'So, jetzt!'

sueddeutsche.de: Haben Sie etwas von Ihrem Ex-Arbeitgeber gehört, seit Sie das Video auf YouTube gestellt haben?

DeFrancesco: Bislang nicht - zumindest habe ich keine direkte Reaktion bekommen. Allerdings hat das Hotel heute wohl ein Statement veröffentlicht, in dem betont wird, wie wichtig ihnen die Arbeitnehmerzufriedenheit ist ...

sueddeutsche.de: Haben Sie nicht Angst, dass die Marriott-Kette juristisch gegen Sie vorgeht?

DeFrancesco: Nein, eigentlich nicht. Denn, wenn sie das tut, wird das nur weitere Aufmerksamkeit auf das Video lenken, es wird den Blick der Öffentlichkeit nur noch mehr auf die miesen Arbeitsbedingungen in dem Hotel lenken. Schon jetzt haben mehr als eine Million Menschen das Video angeklickt. Eine Million Menschen!

sueddeutsche.de: Auch in den Medien scheint das Kündigungs-Video hohe Wellen zu schlagen. Zahlreiche Blogs und Online-Zeitungen berichten darüber - bislang nur in den USA?

DeFrancesco: Ich spreche gerade den ganzen Tag mit unterschiedlichsten Medien, hauptsächlich aus den USA, aber auch aus Australien und Kanada. Relativ viel Resonanz hat das Video kurioserweise in Serbien gefunden. Wie ich höre, soll dort sogar im Fernsehen darüber berichtet worden sein. Das liegt an dem Song, den meine Band, bei der Kündigung spielt - er ist aus Serbien.

sueddeutsche.de: Wie haben denn Ihre Kollegen auf das Kündigungs-Video reagiert?

DeFrancesco: Oh, sie lieben es alle. Insbesondere die, die gefeuert wurden, finden es natürlich klasse. Der Chef, dem ich meine Kündigung übergebe, hat viele von ihnen persönlich angegriffen. Für die Gekündigten ist es eine Art Rache: Der Boss bekommt, was er verdient.

sueddeutsche.de: Wann haben Sie denn gekündigt? Das Video steht ja erst seit dem 12. Oktober bei YouTube.

DeFrancesco: Das war Ende August. Bevor ich das Video hochgeladen habe, habe ich mir erst noch einen neuen Job gesucht.

sueddeutsche.de: Wo arbeiten Sie jetzt - und was sagt Ihr neuer Arbeitgeber zu dem Video?

DeFrancesco: Wo ich jetzt arbeite, möchte ich nicht sagen. Ich denke, mein Arbeitgeber würde sich über diese Art von Publicity nicht freuen. Wie die Firma genau auf das Video reagiert, weiß ich noch nicht. Die Sache ist ja erst in den letzten Tagen hochgekocht und seitdem habe ich nicht mehr gearbeitet. Ich denke, dass sie es dort lustig finden werden.

sueddeutsche.de: Befürchten Sie nicht, das das Video künftige Arbeitgeber abschrecken könnte, wenn Sie sich irgendwo bewerben?

DeFrancesco: Viele Leute warnen mich, dass ich nie wieder eine neue Stelle finden werde. Aber ich habe ja bereits einen neuen Job. Außerdem denke ich, dass jeder Arbeitgeber, bei dem ich gerne arbeiten würde, das Video witzig fände. Und in einem Konzern, in dem Mitarbeiter so schlecht behandelt werden wie im Hotel Renaissance in Providence, möchte ich sowieso nicht mehr arbeiten.

Das Hotel reagierte bislang recht verhalten auf die Veröffentlichung des Videos. Eine Mariott-Sprecherin bestätigte USA Today zufolge am Dienstag, dass Joe DeFrancesco von Juli 2008 bis zum 26. August 2011 in dem Hotel gearbeitet hat. Darüberhinaus gab die Sprecherin folgende Erklärung ab, die mehrere US-amerikanische Online-Seiten veröffentlichten:

"Sie wissen, dass wir als Konzern die Mitarbeiterzufriedenheit sehr ernst nehmen - es ist eine unserer Top-Prioritäten, in unseren Hotels ein Gefühl von Gemeinschaft und Stolz zu erzeugen. Im Renaissance Providence gibt es übrigens eine Reihe von Arbeitnehmerprogrammen, die Gesundheit, Wellness und Arbeitnehmerzufriedenheit fördern. Für einen Angestellten ist dies eine bedauerliche Art zu kündigen, wir sind dennoch zuversichtlich, dass das Hotelmanagement eng mit der Belegschaft zusammenarbeitet, um auch weiterhin Wege zu finden, um das Hotel zu einem gewinnbringenden Arbeitsplatz für jeden zu machen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1168359
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.