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Neue Studie:Homeoffice zementiert traditionelle Rollenbilder

Father with his little son working from home model released Symbolfoto property released PUBLICATION

Während man zu Hause arbeitet mal kurz mit dem Kind spielen? Einer Studie zufolge tun Mütter das viel häufiger als Väter.

(Foto: imago)
  • Beruf und Familie zu vereinbaren, wird für Millionen Deutsche zur Herausforderung, seit Mütter arbeiten gehen.
  • Ein Recht auf Homeoffice, wie es Arbeitsminister Heil (SPD) fordert, soll das Problem verkleinern.
  • Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt jedoch: Flexibles Arbeiten zementiert traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau.

Anna Weiler mag ihren Beruf. Die Arbeit in der Klinik beginnt um acht Uhr, die Ärztin kommt 20 Minuten vorher, um die Frühbesprechung vorzubereiten. Unbezahlt. Ihren Beruf wollte die 35-Jährige auf keinen Fall aufgeben, als sie einen Sohn bekam. Als Mutter fällt es ihr nun schwer, Kind und Klinik zu vereinbaren. "Das ist schon ein extremer organisatorischer Aufwand", sagt sie. Etwa, wenn der Junge Fieber kriegt. Dann ruft sie die Oma an oder Bekannte. "Man kommt in eine Bringschuldsituation, wenn man ständig andere um Hilfe bitten muss", sagt Anna Weiler, die in Wahrheit anders heißt.

Beruf und Familie zu vereinbaren, wird für Millionen Deutsche zur Herausforderung, seit oft beide Eltern arbeiten gehen. Homeoffice und flexibles Arbeiten gelten als Abhilfe: Wer den Weg ins Büro spart und den Tag frei einteilen kann, bringt Kinder und Karriere leichter unter einen Hut. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wiederholte am Montag die Forderung, ein Recht aufs Arbeiten zu Hause zu schaffen. Tatsächlich zeigt eine neue Studie: Homeoffice ermöglicht Müttern, sich jede Woche drei Stunden mehr um ihre Kinder zu kümmern. Sie zeigt aber auch: Flexibles Arbeiten zementiert traditionelle Rollen von Mann und Frau.

Denn Väter nutzen Homeoffice ganz anders: Sie machen im Durchschnitt einfach zwei Überstunden mehr die Woche als Kollegen, nehmen sich aber nicht mehr Zeit für die Kinder. Ähnlich das Bild, wenn Beschäftigte im Betrieb nicht stempeln müssen, sondern sich den Job frei einteilen können. Bei solcher Vertrauensarbeitszeit läuft es genauso wie beim Homeoffice: Väter machen dann vier Überstunden mehr, oft unbezahlt, ohne ihre Kinder mehr zu sehen. Mütter dagegen arbeiten nur etwas mehr, kümmern sich aber eineinhalb Stunden mehr um den Nachwuchs.

Sie sind doppelt belastet und bleiben mit dem Stress allein. "Flexibles Arbeiten, das als wichtige Hilfe bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gilt, hat Schattenseiten", urteilt die Studienautorin Yvonne Lott von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Frauen übernehmen nach wie vor mehr Hausarbeit und Betreuung. Paare haben zwar den Anspruch, sich das aufzuteilen. So einen Wandel gibt es aber nur vereinzelt." Ute Klammer bestätigt das aus ihrer eigenen Forschung. "Flexibles Arbeiten ist kein Selbstläufer", sagt die Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. "Wie es für die Familie genutzt wird, hängt von der Einstellung von Vätern und Müttern ab." Gerade männliche Führungskräfte glaubten, viele Überstunden leisten zu sollen. "Die Mütter machen bei dieser Verteilung mit. Sie halten weiter den Männern den Rücken frei."

Mütter wie Anna Weiler erleben, wie sehr diese Rollenverteilung in der Gesellschaft nach wie vor verankert ist. Bittet sie Bekannte um Hilfe, wenn der Kleine fiebert, hört sie oft: "Als verheiratete Frau musst du doch nicht arbeiten." In der Klinik dominieren männliche Oberärzte, deren Frauen ihnen zu Hause den Rücken freihalten. Dass Anna Weiler gern in der Klinik ist und beruflich vorankommen will, stößt auf Unverständnis. Ihr Chef komme öfter und sage, nett gemeint: "Sie haben doch ein Kind, was machen Sie denn noch hier?"