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Serie "Arbeiten nach Corona":"Die perfekte Komplizin auf dem Weg zur Gleichstellung"

Henrike für Platen

(Foto: Oliver Betke; Bearbeitung SZ)

Fallen in der Krise Frauen im Job zurück? Unternehmensberaterin Henrike von Platen glaubt: Nicht unbedingt. Gerade Frauen könnten gewinnen - wenn flexibles Arbeiten in den Firmen selbstverständlicher wird.

Interview von Henrike Roßbach

Henrike von Platen ist Gründerin des "Fair Pay Innovation Lab", das Unternehmen zur geschlechtergerechten Bezahlung berät. Sie glaubt: Gerade Frauen können von der Krise profitieren - wenn es denn gut läuft.

SZ: Frau von Platen, wirft die Corona-Krise die Frauen um Jahrzehnte zurück?

Henrike von Platen: Im Grunde ist dieser viel diskutierte Rückfall in alte Rollenmuster nicht korrekt. Eigentlich sehen wir nur, wie es wirklich ist: Paare, die sich Beruf und Familie schon vorher nicht paritätisch aufgeteilt haben, haben es auch in der Krise nicht getan. Jetzt wird sichtbar, dass wir diese Strukturen nie hinter uns gelassen haben. Es ist für mich kein Zurückfallen, sondern es ist gar nicht so viel erreicht gewesen, wie manche vielleicht dachten.

Die vielen Väter im Home-Office sind also nicht der Anfang einer partnerschaftlicheren Aufteilung der Familienarbeit?

Wir wissen ja durch Studien, dass viele Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. Das zeigt, dass Gleichberechtigung gewünscht ist. Und manche Männer wollen die Erfahrungen aus der Krise vielleicht auch nicht mehr missen. Es ist aber immer die Frage, in welcher Schicht man sich bewegt.

Können Frauen vom Home-Office-Boom in der Krise profitieren?

Ich sage schon lange, dass die Digitalisierung die perfekte Komplizin auf dem Weg zur Gleichstellung ist. Das Dumme ist nur: Wenn, wie in der Krise, parallel die ganze Betreuung zusammenbricht, dann entsteht ein völlig falsches Bild von Home-Office. Aber ich glaube trotzdem, dass Frauen profitieren werden. Viele Unternehmen haben erkannt, wo die generellen Vorteile liegen und sagen: Boah, das hätten wir uns nie so vorgestellt, dass das überhaupt geht, mit so vielen Leuten im Home-Office - und die arbeiten sogar noch und schaffen alles in der Zeit!

Verändert die Krise die Präsenzkultur?

Ich höre von vielen gerade kleinen Unternehmen, die jetzt Umfragen dazu machen, wo die Mitarbeitenden künftig arbeiten wollen. Das ist hoch spannend, und ich glaube, das wird mehr. Denn das Vertrauen in die Beschäftigten, die mit durch die Krise gehen, ist eine super Basis: Okay, ich muss nicht kontrollieren, es gibt Ziele oder Aufgaben oder vernünftige Stellenbeschreibungen. Das ist auch ein Thema, wenn wir mit "Fair Pay" gucken, wie die Entgeltsysteme in Unternehmen sind: Was bezahlst Du? Die Zeit, die jemand einfach bei dir ist? Oder ein bestimmtes Ergebnis?

Immerhin gelten Frauen mit ihren typischen Berufen in der Krise plötzlich als systemrelevanter als Männer.

Den Begriff finde ich ganz schlimm. Die Berufe waren vorher schon genauso relevant, wurden aber nicht als "systemrelevant" betrachtet, sonst hätte man sie besser bezahlt. Sie sind aber gesellschaftlich wertvoll und in der Krise haben wir einen direkteren, persönlicheren Bezug zu diesen Frauen bekommen, die sagen: "Klatschen hilft mir auch nicht." Wir haben gesehen, dass es wertvoll ist, was diese Frauen für uns machen. Deshalb können wir nicht mehr weggucken. Dieses Reden über den Wert der Arbeit - das geht nicht mehr weg, und deshalb ist die Möglichkeit groß, dass wir das mit der besseren Bezahlung dann auch durchziehen.

© SZ vom 09.07.2020/berk

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