Hochsommerliche Temperaturen In der Hitze des Büros

Bei hohen Temperaturen werfen viele im Büro die obersten Regeln beim Dresscode über Bord. Doch eine gewisse Restwürde ist ganz gut: Was sollen wir am Arbeitsplatz anziehen?

Von Christian Mayer

Wenn es draußen 35 Grad im Schatten hat und die Klimaanlage so gut funktioniert wie das deutsche Mittelfeld im EM-Endspiel gegen Spanien, dürfen wir dann anziehen, was wir wollen? Dieses Thema beschäftigt in diesen Tagen wieder Millionen Deutsche, mal abgesehen von einer Minderheit, die solche Stil-Sorgen nicht kennt. Zu dieser Minderheit zählen tiefgekühlte Wirtschaftsanwälte, Unternehmensberater und sonstige Anzugmenschen, die morgens aus dem wohltemperierten Firmenwagen steigen, um dann im frostigen Thermobüro dem Klimawandel zu trotzen.

So angenehm Flip-Flops im Büro auch sein mögen: Sie sind ein absolutes Tabu.

(Foto: Foto: Andreas Heddergott)

Was also dürfen wir tragen, ohne zum Gespött der Kollegen zu werden? Die Zunft der selbsternannten Stilexperten ist sich nur einig darin, was bei Männern überhaupt nicht geht. Wer anderen den Anblick seiner Körperbehaarung vom Brustkorb abwärts zumutet, wer sich zwischen Po und Bauchnabel gehen lässt und schlecht gepflegte Zehennägel offenbart, hat am Arbeitsplatz nichts verloren. Kurze Hosen, Sandalen und Flip-Flops lehnt der Buchautor und Karriere-Coach Uwe Fenner kategorisch ab. "Wer Stil hat, verhüllt seine Füße", sagt der Jurist, der sich generell gegen jede Art von Strandbekleidung im Büro ausspricht, eine Unsitte, die besonders bei Berlinern verbreitet sei.

Wertkonservative Stilberater empfehlen, selbst bei Hitze eine gewisse Restwürde zu wahren. Vor allem, wenn man im Job ernst genommen werden will. Kurzärmelige Führungskräfte, die ihren reduzierten Auftritt mit einem durchscheinenden Feinripp-Unterhemd und einer Krawatte krönen, sollten sich über die Folgen klar sein: Gebrauchtwagenhändler und stellvertretende Filialleiter bedienen sich gerne dieser coolen Variante.

Physisch anwesend, geistig am Ballermann

Wenn schon Unterhemd, dann muss darunter eine stählerne Brust stecken - Lukas Podolski hat das beim Schaulaufen auf der Berliner Fanmeile demonstriert. Männer ohne Socken oder in weißen Hosen wirken in der Arbeit übrigens immer etwas unseriös; man ist gerade noch anwesend, aber geistig schon auf Mallorca.

Glücklicherweise ist das Hawaiihemd aus der Mode gekommen. Dafür entscheiden sich immer mehr Männer für taillierte Oberbekleidung im Jogi-Löw-Look oder für die deutlich bequemeren Spielarten des Guayabera-Hemdes, das schon Hemingway bei starker Hitze trug.

Hemd rein? Hemd raus? Auch hier gehen die Ansichten auseinander. Typisch für die Halbherzigkeit deutscher Büromänner sind temperaturbedingte Not-Kombinationen, etwa das Sakko zum Polohemd, was man als typisches deutsches Abwehrverhalten gegen den Hochsommer bezeichnen muss. "Leider haben uns die Männer in Mailand und Madrid modisch einiges voraus", sagt Stilexperte Fenner, der sich bei Hitze selbst gerne in helle Baumwollanzüge hüllt und gelegentlich so weit geht, sein Hemd hochzukrempeln.

Frauen haben es in diesen Tagen nur scheinbar leichter beim Griff in den Kleiderschrank. Sommerkleider mit Hautfreiheit sind vollkommen akzeptiert. Bauchfreie Oberteile, aufdringliche BHs und vagabundierende Stringtangas werden dagegen von 50 Prozent der Deutschen als Modesünde betrachtet, wie Meinungsforscher gerade festgestellt haben. Das übliche Blabla der Karriereberater hilft hier aber auch nicht weiter. Man würde sich ja gerne adrett und klassisch anziehen, aber wenn es nun mal brütend heiß ist? Muss man sich dann in den Merkel'schen Hosenanzug quetschen, wenn man nicht gerade bei McKinsey schuftet?

Auch wenn die guten Sitten in Gefahr sind: Jetzt ist die Zeit, mal locker zu machen. Am Wochenende soll es deutlich kühler werden.

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