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Hochsommer in Deutschland:Hitzefrei vom Chef?

Angestellte haben "keinen direkten Rechtsanspruch auf klimatisierte Räume". Das heißt aber nicht, dass es keinen rechtlichen Rahmen für die Arbeit bei hohen Temperaturen gibt. Spätestens bei 30 Grad im Büro muss der Chef handeln - und das kann auch mal einen früheren Feierabend bedeuten.

Johann Osel

Deutschland bekommt endlich seinen Sommer, wenn auch spät. Bis zu 34 Grad soll das Thermometer in den kommenden Tagen in weiten Teilen des Landes anzeigen, der Deutsche Wetterdienst spricht von einer "gefühlten Hitze über 40 Grad". Da können Büros schnell zu Saunen werden, dem Sachbearbeiter am Aktenberg steht der Schweiß auf der Stirn wie sonst dem Stahlarbeiter am Hochofen.

Freibad in Hannover

Ab 30 Grad im Büro wird es kritisch: Dann muss der Chef etwas gegen die Hitze unternehmen. Aber auch davor kann er seinen Beschäftigten das Arbeiten leichter machen - zum Beispiel indem er Kühlgeräte aufstellt oder die Kleidervorschrift lockert.

(Foto: dpa)

Kein Wunder, dass alljährlich wieder dieselben Gerüchte in Büros, Kaffeeküchen und Kantinen aufkommen: Gibt es für Arbeitnehmer denn nicht eine Hitzefrei-Regel? Man kennt das schließlich noch aus der Schulzeit - wird's zu heiß, fällt Mathe in der sechsten Stunde aus. Oder zumindest so in der Art.

Die Rechtslage ist deutlich komplizierter als die Gefühlslagen, zumal die Außentemperatur für den Job im Gebäude keine Rolle spielt. Hitzefrei gibt es offiziell im Arbeitsleben nicht. "Beschäftigte haben keinen direkten Rechtsanspruch auf klimatisierte Räume oder Hitzefrei", sagt Kersten Bux, Experte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund. Das bedeutet aber nicht, dass Angestellte selbst bei Backofentemperaturen weiterarbeiten müssen (außer natürlich Bäcker).

Die Vorschriften des Arbeitsschutzrechts - zu nennen sind das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) und die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) - umreißen allgemein, dass der Arbeitgeber "eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur" zu gewährleisten hat. Dies wird durch die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) konkretisiert, sie werden von Fachleuten erarbeitet und vom Bundesarbeitsministerium veröffentlicht. Freiluft-Arbeit fällt nicht darunter.

Temperatur in Arbeitsräumen soll 26 Grad nicht überschreiten

Die 2010 aktualisierte Passage nennt konkrete Obergrenzen für Temperaturen, die Arbeitnehmern zuzumuten sind. Danach "soll" die Lufttemperatur in Arbeitsräumen 26 Grad nicht überschreiten, ansonsten sind Maßnahmen zu ergreifen - so könnte der Chef die Jalousien schließen, Abwärme strahlende Geräte verbannen, mobile Kühlgeräte anschaffen oder die Bekleidungsregeln lockern. Was aber nicht gleich Bermuda-Shorts statt Frack bedeuten muss. Wohlgemerkt handelt es sich um Empfehlungen.

Überschreitet die Temperatur die Grenze von 30 Grad, wird das Gegensteuern zur Pflicht - der Chef "muss" lindernde Maßnahmen starten. Dann kann etwa auch die tägliche Arbeitszeit in die kühleren Morgenstunden verlegt oder insgesamt verkürzt werden. "Schwere körperliche Arbeit in den heißen Stunden sollte man vermeiden oder verringern und mit kurzen Ruhephasen unterbrechen", rät Bux. Schmerzgrenze ist schließlich eine Temperatur von mehr als 35 Grad. Wird diese Grenze überschritten, so ist der Raum nicht als Arbeitsraum geeignet. Allerdings gilt die Klausel nur für die Zeit der Überschreitung: Wenn also mittags für eine Stunde die Marke geknackt wird, ist der Raum nicht den ganzen Tag ungeeignet. Unternimmt der Arbeitgeber nichts, darf der Angestellte mit Recht die Arbeit verweigern.

Auch Schüler haben keinen Anspruch auf Hitzefrei

Für bayerische Schüler gibt es übrigens keinen Anspruch auf Hitzefrei. Steigt die Temperatur stark, kann man sich zwar begründete Hoffnung machen. Letztlich liegt die Sache aber im Ermessen des Schulleiters, er muss unter anderem den Bustransport bei früherem Schulschluss planen oder kann andere Gründe vorbringen. Bayerische Eltern hatten im Sommer 2010 gemunkelt, es gebe immer seltener hitzefrei - damit die Kinder im verkürzten Gymnasium nicht zu viel Zeit verlieren.

© SZ vom 23.08.2011/liv

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