bedeckt München 17°
vgwortpixel

Hochschulforscher im Interview:"Bologna ist eine faule Ausrede"

Bargel: Damit hat das nichts zu tun, denn auch in den sechziger Jahren war vieles problematisch - etwa die Gewalt, die absolut nicht vertretbar ist. Ich wende mich auch gegen eine Ideologisierung. Veränderungen müssen auch ohne Rabatz zustande kommen. Und Politisierung an sich ist auch noch kein Wert. Sie muss auf Kompetenz basieren, sonst wird sie hysterisch.

Der Hochschulforscher Tino Bargel: "Die Politik hat die Studenten zu einer Abkehr vom politischen Denken erzogen."

(Foto: Foto: oH)

sueddeutsche.de: Ist der Politik eine nicht politisierte Studentenschaft vielleicht sogar ganz recht? Immerhin macht so niemand Ärger.

Bargel: Die Politik hat die Studenten sogar zu einer Abkehr vom politischen Denken erzogen. Den Studenten wurde eine Kundenmentalität nahegelegt: Sie sollen die Angebote - egal ob in der Lehre oder in der Politik - passiv hinnehmen. Jetzt sind viele zufrieden, dass Ruhe herrscht.

sueddeutsche.de: Hat diese Kundenmentalität auch etwas mit der Umstellung auf Bachelor und Master, dem Credit-Point-System und der Bologna-Reform zu tun?

Bargel: Das behaupten die Studenten gern, und natürlich hat Bologna Elemente, die die Apathie der Studenten verstärken. Auslöser der aktuellen Entwicklung war Bologna aber nicht, das ist eine faule Ausrede. Betrachtet man nur das Zeitbudget, das Diplomstudenten früher zur Verfügung hatten und das Bachelor-Studenten heute haben, stellt man keinen Unterschied fest. Der Anteil an Freizeit ist gleich geblieben - Zeit für politisches oder gesellschaftliches Engagement hätten die Studenten also. Was sich geändert hat, ist lediglich die Wahrnehmung. Das Studium ist viel stärker standardisiert, die Sanktionen sind heute härter, wenn jemand durchfällt oder fehlt. All das ist problematischer zu bewältigen.

sueddeutsche.de: Lässt sich die Einstellung der Studenten nicht auch positiv umdeuten? Sie lassen sich nicht leicht instrumentalisieren.

Bargel: Natürlich sind die Studenten heute weniger manipulierbar als früher. Die Meinungsfreiheit ist ihnen ein ganz hoher Wert. Allerdings hat das auch Nebenwirkungen, die ich bereits ansprach, denn diese Toleranz gilt eben all zu oft auch für rechtes Gedankengut.

sueddeutsche.de: Wie lautet Ihre Empfehlung - was müsste getan werden, um die Studenten wieder zu mehr Engagement zu veranlassen?

Bargel: Konkret weiß ich nur bedingt einen Rat, denn so etwas ist nur schwer steuerbar und hängt eng mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise etwa bekommen Schüler und Studenten umso mehr das Gefühl, ein Spielball der Ereignisse zu sein. Ihr Eindruck ist, dass es einfach nicht in ihrer Hand liegt, was aus ihrer Zukunft wird, ob sie überhaupt Arbeit finden oder wo sie einmal leben werden. Und wer glaubt, sein Handeln könne solche Dinge ohnehin nicht beeinflussen, handelt eben gar nicht. Trotzdem wären einzelne Maßnahmen denkbar, manche können sich etwa Credit-Points für soziales Engagement vorstellen. Wenn sich jemand einbringt, sollte das auch honoriert werden.

Bildungsstreik

"Elite ist Schiete"