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Hochschule:Digitale Fitness

Symbolfoto zur Telemedizin Ärztin in einer Praxis kommuniziert mit dem Patienten über eine Webcam

Eine Ärztin kommuniziert per Webcam mit einem Patienten: Auch in der Medizin kommen neue Technologien zum Einsatz.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Der Stifterverband fördert Projekte, die Hochschüler mit modernen Technologien vertraut machen. Von einigen Angeboten proftieren auch interessierte Gäste.

Die Digitalisierung erfasst alle gesellschaftlich relevanten Bereiche - auch die Hochschulen, die sich in Forschung und Lehre mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Die Anzahl der Projekte, die den digitalen Wandel fokussieren, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Dabei geht es um das Erlernen und Anwenden neuer Methoden, etwa in der Medizin oder der Studienberatung sowie den Umgang mit Daten.

Allein der Stifterverband - mit mehr als 3000 Mitgliedern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft eine der wichtigsten Initiativen für Bildung, Wissenschaft, Innovation - betreut und finanziert aktuell mehrere Dutzend Projekte, die sich mit der Digitalisierung in Forschung und Lehre befassen. Ein zentrales Projekt ist das Förderprogramm "Curriculum 4.0", in dem allein zwölf Vorhaben zusammengefasst sind.

Im Rahmen des Curriculum 4.0 hat die Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ihr Lehrangebot erweitert und das neue Wahlpflichtfach "Medizin im digitalen Zeitalter" eingeführt. "Das Fach und das Berufsbild haben sich verändert. Das Studium muss deshalb an die neuen Anforderungen angepasst werden", sagt Sebastian Kuhn, Oberarzt und Lehrbeauftragter am Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Mainz. Absolventen sollen künftig in der Lage sein, ihr Wissen bezüglich der digitalen Medizin "lösungsorientiert und verantwortungsvoll" einzusetzen.

Aktuell fehlt das Thema auf dem Lehrplan zahlreicher Medizin-Fakultäten. Mittlerweile führe aber kein Weg mehr daran vorbei, zumal sich "zwei Drittel der Patienten bereits vor der Behandlung im Internet über ihre Krankheiten informieren", so Kuhn. Die Studierenden sollen sich deshalb mit Themen wie Social Media, Virtual Reality, Big Data, Telemedizin und Gesundheits-Apps sowie künstlicher Intelligenz und Smart Devices auseinandersetzen. Smart Devices sind elektronische Geräte, die kabellos, mobil vernetzt und mit unterschiedlichen Sensoren ausgestattet sind, etwa Smartphones und Datenbrillen.

In der Ausbildung geht es auch darum, die Studierenden für die jeweilige individuelle Situation der Patienten zu sensibilisieren und dafür fit zu machen, die neuen Technologien zwar als Hilfe anzunehmen, aber ihnen nicht ausschließlich zu vertrauen. "Algorithmen präzisieren und verkürzen zwar den Prozess der Diagnose, dennoch steckt hinter jeder Krankheit auch eine individuelle Geschichte, die mit einbezogen werden sollte", sagt Kuhn.

Die Anwendungsgebiete sind vielfältig: In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an sogenannten "seltenen Krankheiten", die durch ein Krankheitsbild charakterisiert sind, das weniger als fünf von 10 000 Einwohnern aufweisen. Aktuell dauert es im Durchschnitt circa achteinhalb Jahre, bis die behandelnden Ärzte zu einer endgültigen Diagnose kommen. "Dieser Zeitraum kann verkürzt werden, indem die unterschiedlichen Symptome, Diagnosen, externen Einflüsse, persönlichen und familiären Aspekte wie Erbkrankheiten zusammengebracht werden, um sie auszuwerten", sagt Kuhn. Diese Arbeit könnten Ärzte allein kaum effektiv leisten. "Medizin im digitalen Zeitalter" kann hier eine große Lücke schließen.

Ein weiteres Projekt, das der Stifterverband fördert, ist die "Data Literacy Education", in der es darum geht, grundlegende Digital-Kompetenzen zu erwerben. Die Leuphana-Universität Lüneburg hat hierfür ein Konzept mit dem sperrigen Namen "Data Driven x (Data x)" entwickelt. Es fokussiert auf Programmierung, Datenanalyse, rechtliche und ethische Rahmenbedingen sowie kreative Gestaltung und Visualisierung von Daten. "Uns ist wichtig, Begeisterung für das Thema zu entfachen, auch und gerade bei den Studierenden, die nicht aus der Informatik, der Mathematik oder den Naturwissenschaften kommen, sondern ihren Schwerpunkt in anderen Fächern haben", sagt Burkhardt Funk, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Leuphana-Universität und Initiator des Antrags auf Förderung.

Die Initiative zielt darauf ab, Studierende zu befähigen, im Zeitalter des digitalen Wandels Aussagen und Zusammenhänge aus Daten abzuleiten und verantwortungsvoll zu hinterfragen und zu bewerten. "Konkrete Problemstellungen für die Arbeit mit den Studierenden werden sowohl aus der unternehmerischen Praxis als auch der Forschung kommen", so Funk. Dies ermöglicht das Lernen anhand realer Fragestellungen und bringt Studierende auch mit wissenschaftlichen Arbeitsgruppen an der Universität und regionalen Unternehmen in Kontakt. Vorbilder für das Digitalkonzept der Leuphana sind die Veranstaltungen "C S50" in Harvard oder "Data 8" in Berkeley. Vom Wintersemester 2020/21 an soll das Programm, wie auch an vielen amerikanischen Hochschulen, obligatorisch für alle Erstsemester sein.

Zeitgemäße Lehrkonzepte und -technologien stehen auch im "Learning Lab" im Mittelpunkt, das an der Technischen Hochschule Nürnberg entwickelt wurde und im Jahr 2015 an den Start ging. Dort würden wesentliche Impulse für "digitale Transformation der Hochschule insgesamt" gesetzt, sagt Susanne Weissman, Vizepräsidentin der Hochschule und dort unter anderem für die Digitalisierungsstrategie zuständig. Die Angebote des Learning Lab richten sich an Lehrende, Studierende und Gäste. "Wir bieten Möglichkeiten zum interdisziplinären Austausch und zur Vernetzung - in Form von Open Lab, Tool-Bars oder Workshops rund um das Thema 'digital-gestütztes Lehren und Lernen'", so Weissman. Open Lab bedeutet, dass das Learning Lab jedem, der sich für diese Themen interessiert, einmal pro Woche offensteht. Tool-Bars sind für Lehrende konzipiert, sie vermitteln ihnen regelmäßig Wissen zu neuen Tools, Plattformen und Technologien.

In den Räumlichkeiten steht eine entsprechende Ausstattung zur Verfügung, die auch ausgeliehen werden kann, wie etwa Audio-Response-Systeme - elektronische Abstimmungssysteme, die zum Beispiel in Vorlesungen eingesetzt werden. Das Konzept weckt auch außerhalb von Nürnberg Interesse. So gibt es regelmäßig Besuche von Hochschulmitarbeitern aus dem In- und Ausland, die dann ihrerseits auf Basis des Nürnberger Prototypen Learning-Labs mit eigenem Zuschnitt entwickeln.