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Hochqualifizierte Berufseinsteiger:Lieber leben

Sprung in den Starnberger See

Freiheit und Vertrauen statt Geld und Chauffeur: die hochqualifizierten Millenials.

(Foto: dpa)

Auf der Suche nach dem Traumberuf lassen sich Top-Talente nicht mehr mit Geld und Status locken. Für große Unternehmen wird das zum Problem - besonders in der Finanzindustrie.

Von Jan Willmroth und Markus Zydra

Der Lebenslauf von Maximilian Zoller, 24, könnte kaum besser aussehen. Abitur, Zivildienst, dann Wirtschaftsstudium an der renommierten Universität Mannheim. In den Semesterferien machte er Praktika, zunächst bei den Steuerberatern von Ernst & Young, dann bei der Investmentbank Morgan Stanley. Mit dem Einser-Abschluss als Bachelor folgten für je drei Monate Praktika beim amerikanischen Konsumgüterhersteller Procter & Gamble und der Beratungsgesellschaft McKinsey. Alles erste Liga.

Auf Talente wie Zoller haben es Konzerne abgesehen, schon an den Universitäten umwerben sie die besten Köpfe. Doch Zoller winkte ab. Der junge Mann arbeitet lieber als Assistent der Geschäftsführung bei Flyeralarm, einer Würzburger Firma*, die Flugblätter, bedruckte Ordner und Eintrittskarten macht. Vor gut zehn Jahren gegründet, etwa 300 Millionen Euro Umsatz, moderate Gehälter, 2000 Kollegen. Ein Winzling im Vergleich zu Procter & Gamble. Zoller hat sich seine Entscheidung gut überlegt: "Hier kann ich mehr selbst bestimmen. Und wenn ich Stress empfinde, dann positiven."

Zoller gehört zur Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen, der Soziologen den Buchstaben Y verpasst haben. Man spricht auch von Millenials, weil sie um die Jahrtausendwende aufwuchsen. Junge Menschen, groß geworden mit PC und Handy. Eine Welt ohne Internet ist ihnen fremd, Deutschlands Wirtschaftswunder nur ein Wort aus den Geschichtsbüchern. Man sagt ihnen nach, dass sie lieber keinen Job haben, als einen, der sie unglücklich macht. Sie geben sich selbstbewusst. Mehr als 60 Prozent sagten in einer Befragung, ihr Boss könne auch etwas von ihnen lernen.

Da geraten alte Hierarchien aus den Fugen - und etablierte Unternehmen sorgen sich um den Nachwuchs. Der Vorstand eines großen Finanzkonzerns klagt: "Die besten Absolventen wollen nicht mehr zu uns kommen. Ein Dienstwagen mit Chauffeur und eine Karriere reizen sie nicht. Sie wollen keine 60 Stunden pro Woche arbeiten."

Boris Milkowski, 29, hält sich bereits für einen alten Millenial. Bei der japanischen Firma Goodpatch, einem Start-up in Tokio, entwickelt er mit 50 Kollegen Apps für Medienunternehmen, Makler und interne Konzernkommunikation. Auch Milkowski hat einen Vorzeige-Lebenslauf. Als Oberschüler ging er ein Jahr nach Finnland, studierte Betriebswirtschaft in München, später dann noch an der elitären Hochschule St. Gallen Management und an der Universität Tokio Design. Dazwischen Praktika bei Puma, Porsche und Deutscher Bank. "Bei Goodpatch sehe ich alles, was mein Chef macht", sagt Boris Milkowski. "Wir wollen die Firma in den nächsten Jahren an die Börse bringen. Danach mache ich eine Zeitlang etwas anderes - vielleicht nur Snowboard fahren." Bei einer Konferenz in London sprach er neulich einen älteren Deutschen in Anzug und Schlips noch mit "Sie" an. Der fragte entrüstet: "Warum siezen Sie mich?" Boris antwortete: "Warum trägst du einen Schlips?

Danach hat er beschlossen, alle Menschen nur noch zu duzen. Auch so nivelliert man im Berufsleben die Unterschiede zwischen den Generationen.

* In einer früheren Version dieses Artikels haben wir Flyeralarm irrtümlich als Berliner Unternehmen bezeichnet. Wir haben den Fehler korrigiert.

Abkehr von Beratung, Banking und Großkonzernen

Milkowski und Zoller gehören nach ihrer Ausbildung zu den Qualifiziertesten ihrer Altersgruppe. Sie wissen, wie gefragt sie auf dem Arbeitsmarkt sind. Da fällt es leichter, andere Wege zu gehen verglichen mit dem Großteil ihrer Generation. Gut ausgebildet sind viele, aber McKinsey reißt sich nur um die Besten. Nur eine Minderheit der Millenials kann ihre beruflichen Träume wirklich ausleben.

Diese akademische Elite kennt kaum jemand so gut wie Thomas Fuchs. "In jüngster Zeit haben sich die wirklich Besten nicht mehr für Beratung, Banking oder große Konzerne entschieden", sagt er. Obwohl ihnen alle Türen offenstanden. Vor 19 Jahren gründete Fuchs das Netzwerk QX Quarterly Crossing, in dem sich an die 2000 Menschen vom Studenten bis zum Top-Manager zusammengeschlossen haben. Eine Art Kontaktbörse künftiger Führungskräfte. Fuchs vermittelt Praktika auf dem kurzen Dienstweg und bietet direkten Kontakt zu Führungskräften. Und er will stets wissen, was seine Netzwerkmitglieder bewegt. "Es ändert sich grundlegend etwas", sagt er. Bei den Besten sehe man das heute schon. "Wer sich wirklich frei für einen Job entscheiden kann, nutzt diese Freiheit als erster aus."

Das beobachtet auch Caterine Schwierz. Sie ist Vorstand bei der Düsseldorfer Personalberatung von Rundstedt, eine Top-Adresse für Menschen, die Hilfe bei der Karriereplanung suchen. Erst kürzlich sei eine junge Frau zu ihr gekommen, die keine Lust mehr hatte, als Angestellte eines großen Unternehmens nur eine Nummer zu sein. "Früher konnte man für seine Mitarbeiter noch Entwicklungspläne schreiben, die auch nach fünf Jahren noch galten", sagt Schwierz. Heute, zu einer Zeit, in der junge Talente viel selbstbewusster auftreten und nicht mehr alles mit sich machen lassen, geht das nicht mehr.

Dass Menschen nicht mehr nur nach Statussymbolen suchen, sondern nach einem tieferen Sinn in ihrer Arbeit, sei nicht nur Sache der jungen Generation. "Sinn bei der Arbeit wollen alle, ob sie 60 oder 28 sind", sagt die Karriereexpertin. Thomas Schüller, Partner bei der Personalberatung Intersearch Executive, erzählt von einem hochrangigen Bankjuristen, 50 Jahre alt, der einmal pro Woche von zu Hause aus arbeiten wollte. "Das konnte er bei seinem neuen Arbeitgeber aushandeln, obwohl es bei einigen in der Bankzentrale für blanke Verwunderung sorgte", sagt Schüller.

Wenn Überstunden, dann nur freiwillig

So endet auch eine Ära: die des "Organisation Man". So heißt ein Konzept des US-Soziologen William Whyte aus den Fünfzigerjahren. Für das Versprechen einer lebenslangen Anstellung verschreibe sich der Mensch bedingungslos der Firma, schrieb er, "in einer Welt, in der immer Bewegung sein muss, braucht der Mensch unbedingt Wurzeln." Die Organisation sei der Ort, an dem man sie schlagen soll. Doch die Treue zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sie ist seit den Achtzigerjahren brüchig. Der "Organisation Man" wird verdrängt vom Wissensarbeiter, bedingungslose Loyalität weicht größerem Selbstbewusstsein - und Bürokratie schreckt ab. "Bis in einem großen Unternehmen eine Idee umgesetzt ist, dauert es ewig", sagt der Vorstandsassistent Zoller. "Bei Flyeralarm habe ich keine vordefinierte Rolle." Natürlich arbeite er auch mal 70 Stunden in der Woche - aber immer nur freiwillig.

Boris Milkowski stellt nun selbst Leute ein. "Da gibt es einige, die sich nicht gut verkaufen in ihrem Auftreten. Konzerne würden die vielleicht nicht nehmen", sagt er. "Aber ich habe gemerkt, wie toll das ist, wenn man diese 20-Jährigen das machen lässt, was sie wirklich gut können." Bald wird Milkowski eine Goodpatch-Niederlassung in Berlin aufbauen. Für den Umzug braucht er nur seinen Koffer. "Ich arbeite für ein Minimalgehalt, im Studium hatte ich auch nicht mehr, das geht schon." Dass er bei einem erfolgreichen Börsengang seine Aktienoptionen versilbern könnte, sei nebensächlich. "Wichtig war mir die Freiheit und dieses krasse Vertrauen meines Chefs", betont er.

Es gebe zwar noch viele, die das Geld in die Beratung oder zu großen Banken locke, sagt Thomas Fuchs. "Aber nach drei bis fünf Bier sagt eigentlich keiner mehr, dass er seinen Job richtig toll findet."

© SZ vom 14.02.2015/mkoh
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