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Hessen: LKA-Chefin entlassen:Hessens oberste Polizistin scheitert an der Probezeit

Mobbingvorwürfe, angebliche Illoyalität und "unpassendes Führungsverhalten": Hessens Innenminister will die LKA-Präsidentin Sabine Thurau entlassen, die sich bei ihren Kollegen viele Feinde geschaffen hat. Das will sie sich nicht gefallen lassen.

Marc Widmann

In kurzer Zeit hat Sabine Thurau gleich doppelt Geschichte geschrieben. Beim ersten Mal war es noch angenehm für sie. Im Frühjahr 2010 kürte sie Hessens damaliger Innenminister Volker Bouffier (CDU) zur ersten Präsidentin eines deutschen Landeskriminalamts. Sie wurde die oberste Kriminalpolizistin des Landes, zuständig für Unlauteres aller Art. Die Tochter eines Kripomannes war am Ziel ihrer Träume. Ein Reporter fragte sie damals, was typisch weiblich sei an ihrem Führungsstil. "Frauen entwickeln ein besonderes Einfühlungsvermögen", sagte sie.

Sabine Thurau

"Probezeit nicht bestanden" heißt es im Innenministerium - nun soll die umstrittene LKA-Präsidentin Sabine Thurau gehen.

(Foto: dpa)

Jetzt soll Sabine Thurau als erste LKA-Präsidentin auf spektakuläre Weise entlassen werden. Der neue Innenminister Boris Rhein (CDU) urteilt, sie habe ihre zweijährige Probezeit nicht bestanden. Sein Haus wirft ihr "unpassendes Führungsverhalten" vor, sie sei nicht in der Lage, Konflikte zu lösen, zu integrieren und sich selbst zurückzuhalten. Überdies sei sie auch noch illoyal. Kurzum: Von weiblichem Einfühlungsvermögen angeblich keine Spur.

Der Minister will die Affäre Thurau loswerden, um jeden Preis. Zu viel Verheerungen hat der jahrelange Zank um sie angerichtet im hessischen Sicherheitsapparat. Aber die Geschasste sagt: "Ich war schon bei meinem Anwalt, und ich werde das natürlich anfechten." Sie will kämpfen um ihr Amt, wie sie ihr ganzes Berufsleben kämpfte: Als Abiturientin bei der Kripo, als junge Mutter, die Jura studierte und nebenbei im Kriminaldauerdienst arbeitete, als harte Vize-Chefin unter zerstrittenen Männern im Frankfurter Polizeipräsidium.

Dort begann der Ärger vor fünf Jahren. Thurau wollte offenbar aufräumen. Ihr Vorgänger bei der Frankfurter Polizei hatte einem Kindesentführer mit Folter gedroht; Rechtsradikale durften lange unbehelligt als Personenschützer von jüdischen Würdenträgern arbeiten. Thurau war das zuwider. Sie wollte durchgreifen, den Klüngel beenden, den sie sah. Doch sie geriet schnell zwischen die Fronten, als drei Beamte aus dem Fahndungskommissariat zu ihr kamen mit einem Aktenordner voller angeblicher Beweise gegen ihren Vorgesetzten. Er habe sich bereichert, behaupteten sie.

Ein Kampf mit vielen Verlierern

Nun entspann sich ein behördeninterner Kampf, der bis heute viele Verlierer zählt. Thurau gab den Fall an die Staatsanwaltschaft und suspendierte den Topfahnder. Sie ging gegen Polizisten aus dessen Einheit vor, die eine mehrtägige Dienstreise nach Brasilien unternommen hatten, weil sie bezweifelte, dass alles dienstlich war. Und sie drängte einen Beamten in die Enge, der sich beim womöglich privaten Besuch in einer Disco mit dem Türsteher prügelte und dies als Dienstunfall anrechnen ließ. Sie machte sich viele Feinde, weniger in der Unterwelt als im eigenen Haus.

Dann wehrten sich die Beschuldigten. Erst mit Beschwerden wegen Mobbings, später mit Strafanzeigen, unter anderm wegen Verfolgung Unschuldiger. Der einstige Fahndungsleiter erhielt kürzlich 8000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, weil Thurau ihn vor Kollegen mit harten Worten stigmatisiert und vorverurteilt habe.

Chaostage bei der hessischen Polizei

Seit der Streit im November öffentlich wurde, ist die Spitzenbeamtin vorübergehend ins Innenministerium versetzt. Es waren die Chaostage der hessischen Polizei. Damals musste Hessens oberster Polizist Norbert Nedela abtreten; es gab Gerüchte, er habe Manipulationen an internen Akten über Thurau geduldet, um sie zu belasten. Einige sprachen von einer Intrige gegen die LKA-Frau. Die Opposition dagegen forderte auch ihre Suspendierung.

Kürzlich bot ihr der Innenminister eine leise Lösung an, einen gut dotierten Posten im Justizministerium. Aber Sabine Thurau lehnte ab. Sie will kämpfen, bis zum Schluss.

© SZ vom 16.06.2011/holz
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