Ausbildung zum Piloten "Was wir nicht brauchen, sind Helden oder Draufgänger"

Mit dem Hubschrauber der DRF Luftrettung sind die Helfer rasch beim Patienten und die wiederum schnell in einer Klinik.

(Foto: Robert Haas)

Die Rettungsflieger haben ein Nachwuchsproblem. Die Bundeswehr hat als Flugschule ausgedient. Betreiber von Luftrettungsstationen müssen sich etwas einfallen lassen.

Von Marco Völklein

Versteht er sich eher als Retter oder als Flieger? Christian Hackl überlegt kurz und sagt: "Meine Aufgabe ist es in erster Linie, die Besatzung und den Patienten sicher zu transportieren." Aber natürlich, schiebt der 40-Jährige dann gleich nach, "ist es schon extrem erfüllend, dass man hier einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgeht". Wenn beispielsweise einem Kind nach einem Unfall in der Klinik geholfen wurde oder ein Mann mit Atemstillstand erfolgreich wiederbelebt werden konnte, dann sei das "ein extrem gutes Gefühl". Das aber stets im Team erarbeitet werde: Ohne Pilot kämen Notarzt und Notfallsanitäter nicht so rasch zum Patienten, sagt Hackl. "Und ohne die medizinische Crew in der Maschine könnte auch der beste Pilot nichts ausrichten."

Seit mehr als zehn Jahren fliegt Hackl nun schon einen Rettungshubschrauber bei der DRF Luftrettung in Regensburg. Davor war er zwölf Jahre bei der Bundeswehr, hat dort das Einmaleins der Hubschrauberfliegerei gelernt. Wie Hackl ging es vielen seiner Kollegen: Aus dem Kräftereservoir von Bundeswehr und Bundespolizei rekrutierten die gemeinnützige ADAC Luftrettung und die ebenfalls als gemeinnützig anerkannte DRF Luftrettung bisher die meisten ihrer Nachwuchspiloten. Doch mittlerweile stehen die beiden wichtigsten Betreiber von Luftrettungsstationen in Deutschland vor einer großen Herausforderung: Weil die Bundeswehr immer weniger Piloten ausbildet, stehen der zivilen Fliegerei ebenfalls weniger Nachwuchskräfte zur Verfügung.

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Die "Fahrschule der Nation" bildet weniger Piloten aus

Andere Branchen kennen das Problem schon länger: Auch bei den Bus- und Lkw-Fahrern tun sich große Lücken auf, weil die Bundeswehr mit dem Aussetzen der Wehrpflicht ihre Funktion als "Fahrschule der Nation" verloren hat. Früher beendeten jedes Jahr Zehntausende Rekruten ihre Zeit beim "Bund" mit einem Lkw- oder Busführerschein in der Tasche - und standen dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Doch mittlerweile schätzen Branchenkenner, dass allein im Speditionsgewerbe etwa 40 000 Lkw-Fahrer fehlen.

In der zivilen Rettungsfliegerei fallen die Dimensionen zwar deutlich geringer aus, dennoch sieht Frédéric Bruder, Geschäftsführer der ADAC Luftrettung, gewisse Parallelen. Inzwischen versuche die Bundeswehr, ihre Piloten länger im Dienst zu halten als früher, sagt Bruder, teils sogar bis zur Pensionierung. "Daher kommen weniger Leute raus." Und wer die Bundeswehr dennoch vorher verlasse, der habe weniger Flugstunden absolviert als noch vor einigen Jahren. Waren die Bundeswehr-Piloten noch vor zehn Jahren etwa 200 bis 250 Stunden pro Jahr in der Luft, habe sich der Wert mittlerweile auf 80 bis 100 Stunden pro Jahr verringert. Entsprechend weniger Erfahrung brächten Bewerber mit, wenn sie bei der ADAC Luftrettung vorstellig würden.

Luftretter

37 700 Einsätze absolvierten die Rettungshubschrauber der DRF Luftrettung im Jahr 2018. Der zweitgrößte Betreiber von Luftrettungsstationen beschäftigt 180 Piloten, darunter zwei Frauen. Beim ADAC als größtem Anbieter sind 160 Piloten tätig (darunter ebenfalls zwei Frauen). Sie flogen 2018 etwas mehr als 54 000 Einsätze. Daneben betreiben die Bundespolizei und die Johanniter-Unfallhilfe noch Luftrettungsstationen.

Das aber ist ein Problem: Denn beim ADAC zum Beispiel müssen die Piloten nach Angaben von Bruder mindestens 1000 Flugstunden abgeleistet haben, um als Kapitän alleine einen Helikopter zu fliegen. Mindestens die Hälfte dieser Stunden müssen die Bewerber zudem im Rettungsfliegereinsatz oder einer ähnlich herausfordernden Tätigkeit absolviert haben.

Und tatsächlich ist die Rettungsfliegerei alles andere als einfach, sagt auch Pilot Christian Hackl in Regensburg. Mit seiner Maschine vom Typ H145 muss er auch auf engstem Raum landen, etwa auf einer engen Kreuzung mitten in einer Großstadt oder auf einem Sportplatz am Rande eines Waldgebiets. Rettungshelikopter in den Alpen oder an den Küsten sind mit Rettungswinden ausgestattet, um Helfer in verwinkelten Tälern absetzen oder Unfallopfer aus dem Wasser aufnehmen zu können. Zuletzt waren die Luftretter zum Beispiel während der extremen Schneefälle in den Alpen im Dauereinsatz: Konnten Hilfskräfte eine Unglücksstelle zu Fuß oder mit dem Auto nicht erreichen, waren die Retter aus der Luft oft die letzte Hoffnung.