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Hebammen mit Bachelortitel:Höhere Weihen

Ein duales Studium soll für Hebammen bald Pflicht werden. Das bringt Geburtshelferinnen mit klassischer Ausbildung und Lehrkräfte in Bedrängnis.

Nach der 60. Geburt habe sie aufgehört zu zählen, sagt Julia Sprick. Schon während ihres Studiums assistierte die 23 Jahre alte Studentin, Fachrichtung Hebammenkunde an der Hochschule für Gesundheit (HSG) Bochum, im Kreißsaal. Insgesamt 3000 Praxisstunden hat sie in zwei großen Kliniken und einem Geburtshaus absolviert, das gehört zum Studium der Hebammenkunde. Natürlich war sie auch bei Beratungsterminen, Geburtsvorbereitungskursen und bei der Betreuung von Wöchnerinnen dabei.

Hebamme wiegt das Baby bei der Nachsorge eines drei Wochen alten Babys Bonn 18 03 2019 Bonn Deutsc

Ein Nachzügler ist Deutschland, was die akademische Ausbildung für Geburts- helferinnen angeht. Die ist in anderen EU-Ländern schon lange Usus. Das Foto zeigt eine Hebamme beim Wiegen eines Säuglings.

(Foto: Grabowsky/Imago)

"Akademisierung verbinden viele mit Buchwissen - in unserem Studiengang ist das anders, da gehört der praktische Teil ganz selbstverständlich dazu", sagt Nicola Bauer, Professorin für Hebammenwissenschaft an der HSG Bochum. "Unser Studium ist sehr praxisorientiert und anwendungsbezogen."

Noch bis vor Kurzem war es nicht die Regel, dass Frauen studieren mussten, um Hebamme zu werden. Der Großteil der Hebammen ließ sich bisher an einer Hebammenschule ausbilden. Eine Hochschulreife brauchten die Frauen dazu nicht. Das soll jetzt mit der Akademisierung der Hebammenausbildung anders werden. "Momentan sind wir in einem Umbruchprozess", sagt Yvonne Bovermann, Beirätin für den Bildungsbereich und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Hebammenverbands. "Dass die Hebammenausbildung akademisiert werden soll, können wir nur begrüßen." In allen EU-Mitgliedstaaten außer in Deutschland werden Hebammen an Hochschulen ausgebildet. Im Oktober 2018 gab das Bundesgesundheitsministerium bekannt, künftig das duale Studium für Hebammen einzuführen. Dazu wurde im März 2019 der entsprechende Referentenentwurf des Ministeriums veröffentlicht. Seitdem ist klar: Es wird eine vollständige Akademisierung des Hebammenberufs geben, Stichtag ist der 28. Januar 2020. "Die EU-Richtlinie ist ja schon länger da, Deutschland hat es aber verpasst, sie zeitnah umzusetzen", sagt Bovermann, "jetzt müssen wir den Übergang schnell schaffen." Sie ist optimistisch, dass das gelingen könnte.

Jetzt schon bieten neun Hochschulen in Deutschland primärqualifizierende Bachelorstudiengänge für Hebammen an. Das bedeutet, dass man innerhalb des dualen Studiums den berufszulassenden und auch den akademischen Abschluss erhält. Dabei wechseln sich Phasen des theoretischen und praktischen Lernens ab. Ein anderes Modell ist der ausbildungsbegleitende Studiengang: Man geht auf die Hebammenschule und beginnt sein Studium während der Ausbildung. Nach drei Jahren vergibt die Hebammenschule den berufszulassenden Abschluss, weitere anderthalb Jahre später bekommen die Hebammenschülerinnen den akademischen Abschluss von der Hochschule. Yvonne Bovermann: "Viele brechen das Studium nach dem berufszulassenden Abschluss ab. Überhaupt ist dies kein besonders gutes Modell, aber für die Länder die billigste Form der Hebammenstudiengänge - weil die Hebammenausbildung von den Krankenkassen bezahlt wird und die Hochschule nicht mehr so großen Aufwand betreiben muss."

Mit oder ohne akademischem Abschluss - bei Hebammen bilden sich zwei Klassen heraus

Es ist also eine Zeit des Wandels, in der man prüfen muss, welche Modelle funktionieren und welche eben nicht. Die Hochschule Osnabrück ist mit dem Studiengang Midwifery bereits seit zehn Jahren dabei - sie kooperiert mit einer Hebammenschule. "Wir fangen nicht bei null an", sagt auch Melita Grieshop, die an der Evangelischen Hochschule Berlin Hebammenkunde lehrt, "außerdem räumt der Kabinettsentwurf eine Übergangsfrist bis 2030 ein."

Wie dringend nötig es ist, die Ausbildung von Hebammen in Deutschland an die EU-Richtlinie anzupassen, merken an Hebammenschulen ausgebildete Frauen, wenn sie sich im europäischen Ausland bewerben. Denn oft finden Hebammen mit deutschem Abschluss nur einen Arbeitsplatz auf einem niedrigeren Qualifikationsniveau - mit der Begründung, dass sie kein abgeschlossenes Studium vorzuweisen haben. "Einen weiteren Grund für die Akademisierung der Ausbildung sehen wir darin, dass sich unser Beruf enorm weiterentwickelt und sich unsere Aufgaben als Hebammen sehr verändert und erweitert haben", sagt Bovermann. Inzwischen reichen die Aufgaben einer Hebamme von der Betreuung in der Schwangerschaft über Geburtsvorbereitung bis zur Geburt selbst. Und nach der Wochenbettzeit geht es weiter mit Rückbildungskursen, Stillberatung und im Anschluss Beratung bei Ernährungsproblemen des Babys - das kann bis zum Ende des neunten Monats dauern. Wie sich Frauen auf diese unterschiedlichen Aufgaben vorbereiten können, sollen sie im Studium lernen, das auch Männern offen steht. Wenn sich Männer für das Studium interessieren, sind das aber nach wie vor Einzelfälle. "Wir wollen den Studierenden nahebringen, auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu arbeiten. Sie sollen Studien verstehen und bewerten lernen und ihr Wissen in das praktische Handeln integrieren", sagt Professorin Grieshop, die die ideale Hebamme als reflektierende Praktikerin sieht. "Die Akademisierung könnte auch dazu beitragen, dass Ärzte mit Hebammen eher auf Augenhöhe kommunizieren, als das bislang der Fall ist", vermutet Nicola Bauer von der HSG Bochum.

Hebammen, die ihre Ausbildung auf Hebammenschulen gemacht haben, müssen nicht zwangsweise ein Studium nachholen. "Allerdings empfehlen wir allen, die gern mehr wissen wollen, ein Studium. Das kann Hebammenwissenschaften sein, oder zum Beispiel Gesundheitsmanagement oder Gesundheitspädagogik", sagt Yvonne Bovermann. Damit das nicht zu zeitaufwendig ist, würde sie einen sehr kurzen Weg zum Bachelor-Titel anstreben. Vorbild Schweiz, dort gibt es bereits seit 2009 den sogenannten "Nachträglichen Titelerwerb" (NTR). Voraussetzung: ein Berufsabschluss, zwei Jahre Berufstätigkeit und mindestens 200 Stunden Weiterbildung, einen Teil davon an einer Hochschule. "Mit dem nachträglichen Titelerwerb wären Benachteiligungen dadurch, dass künftig alle neuen Hebammen einen akademischen Titel haben, verringert oder ausgeschlossen", sagt Bovermann.

Und was passiert mit den Mitarbeiterinnen der 62 Hebammenschulen in der Bundesrepublik, die bislang die meisten Hebammen ausbilden? "Wir hoffen, dass diese entweder in die Lehre an der Hochschule oder in die Praxiskoordination und -anleitung der Studierenden integriert werden können", sagt Melita Grieshop. Grieshops Kollegin Nicola Bauer aus Bochum sieht das ähnlich: "Schon jetzt haben etwa 50 Prozent der Lehrerinnen an den Hebammenschulen einen akademischen Abschluss. Diese erfahrenen Lehrerinnen könnten dann als Lehrende an Hochschulen eingebunden werden."

Jara Kortmann studiert im vierten Semester Hebammenkunde an der Evangelischen Hochschule Berlin. Sie ist 33 und Betriebswirtin. Obwohl sie eine gut bezahlte Stelle in einem großen internationalen Unternehmen hatte, wollte sie etwas ganz anderes machen. "Ich möchte eng mit Menschen in Veränderungsprozessen zusammenarbeiten", sagt Jara Kortmann - eine ziemlich technisch klingende, aber treffende Beschreibung für die Arbeit einer Hebamme. Nach einem Praktikum in einer Klinik entschied sie sich für ein Hebammenstudium. "Die Möglichkeit des Studiums hat für mich den Ausschlag gegeben. Der Job erfordert einfach eine akademische Ausbildung", sagt Jara Kortmann, "damit wird es auch einfacher möglich, im europäischen Ausland arbeiten zu können." Ausführlich begründet sie, warum sie ein Studium für notwendig erachtet. "Hebammen begleiten sehr besondere und manchmal auch kritische oder schwierige Momente einer Familie und müssen dabei permanent eigenverantwortlich Entscheidungen treffen." Der Umgang mit der Gesundheit von Mutter, Kind und Familie erfordere eine ständige Reflexion der eigenen Arbeit, wobei es darauf ankomme, Erfahrungswerte mit neuesten Erkenntnissen aus der Forschung zu kombinieren. "Dies leisten Hebammen seit Jahren und arbeiten damit schon auf einem sehr hohen Niveau, was einem Anforderungsprofil eines akademisierten Berufs gleichkommt." Die Belastung im dualen Studium empfindet Kortmann allerdings als ziemlich hoch: "Wenig Geld, anstrengende Praxisphasen und schnelle Wechsel zwischen Hochschul- und Praxisphasen ohne Pausen," sagt sie.

Mit einem dualen Studium steigen die Chancen auf einen Job im europäischen Ausland

Julia Sprick, die Studentin aus Bochum, hat bereits ihre Berufszulassung als Hebamme erhalten. Um das Studium abzuschließen, muss sie nur noch ihre Bachelor-Arbeit fertig schreiben, das wird im Sommer so weit sein. Und danach? Sie will sich an der Hochschule Neubrandenburg für einen Masterstudiengang Beratung bewerben. "Wenn das nicht klappt, würde ich schon früher als geplant in die Freiberuflichkeit starten", sagt sie. Ansonsten könnte sie auch im Ausland oder als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeiten oder weitere Masterstudiengänge wie Public Health studieren - durch den Bachelor eröffnen sich schon ein paar Wege mehr.

Diese Hochschulen und Unis bieten bereits Bachelorstudiengänge an: Evangelische Hochschule Berlin, dualer Bachelor Hebammenkunde, www.eh-berlin.de; Hochschule für Gesundheit (HSG) Bochum, duales Studium und Vollzeitstudium Hebammenkunde, www.hs-gesundheit.de/hebammenkunde; Hochschule Fulda, dualer Bachelor Hebammenkunde, www.hs-fulda.de; Ernst-Abbe-Hochschule Jena, duales Bachelorstudium Geburtshilfe/Hebammenkunde, www.eah-jena.de; Universität Lübeck, dualer Bachelor Hebammenwissenschaft, www.uni-luebeck.de; Eberhard Karls Universität Tübingen, Bachelor Hebammenwissenschaft, www.uni-tuebingen.de

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Stephanie Schmidt

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