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Harvard University:"Schwimm oder ertrink"

Reichsein ist nicht alles: das Erfolgsgeheimnis der Harvard University, der elitärsten der Eliteuniversitäten dieser Welt.

Von Wolfgang Koydl

Cambridge , im Januar - Ein kantiger Schädel, ratzekahl geschoren. Unter der krummen, zerknautschten Nase ringelt sich ein kümmerliches Bärtchen, und von den Paketen, die in dem zum Bersten gespannten Sakko stecken, weiß man nicht, ob es noch Muskelmasse ist oder schon ein Fettpolster. Ein Schausteller auf dem Rummel sieht so aus oder ein Rausschmeißer in einer zwielichtigen Hafenkneipe, und obschon Jesse Ventura so tief nie gesunken ist, hat er im Laufe seines Lebens sein Brot oft genug in halbseidenen Milieus verdient.

Bevor ihn die Wähler vor fünf Jahren in seinem Heimatstaat Minnesota für eine einzige und ziemlich missglückte Amtszeit zum Gouverneur wählten, war er unter dem Künstlernamen "The Body" in den Ring gestiegen und - halb Clown, halb Catcher - durchs ganze Land getingelt. Viel mehr als einen durchtrainierten Körper hatte Ventura auch nicht zu bieten, nachdem er aus Vietnam zurückgekehrt war. Denn an seinem College, einer Art Volkshochschule namens North Hennepin Community College in einem Vorort von Minneapolis, zeichnete sich der junge Jesse dadurch aus, dass er so viele Kurse wie möglich belegte, ohne Wert auf einen Abschluss zu legen.

Ein Catcher als Professor

Aber jetzt geht Jesse nach Harvard - um zu lehren, nicht zu studieren. Ausgerechnet Harvard, Amerikas beste, bekannteste und berühmteste Universität hat den bulligen Ex-Gouverneur eingeladen. Ab dem kommenden Semester wird Ventura für ein Jahr lang in den Hörsaal statt in den Ring steigen und als Gastprofessor in den ehrwürdigen Hallen der Schule unterrichten - Politik, nicht Sport.

Mit seinem Hintergrund, vermerkte die täglich erscheinende Studentenzeitung The Harvard Crimson ohne den geringsten Anflug von Ironie, könne er einen einzigartigen Beitrag zur politischen Bildung leisten. Merkwürdig an Venturas Berufung ist eigentlich nur, dass niemand in Harvard dies im geringsten merkwürdig findet - nicht die Studenten, die Ventura einluden, nicht die Professoren, die für die nächsten zwölf Monate seine Kollegen sein werden, und noch nicht einmal Richard Hunt, der Harvard seit knapp einem halben Jahrhundert verbunden ist und der so etwas wie das lebende Gedächtnis der Schule ist.

Als Marshall von Harvard war Hunt jahrzehntelang eine Art Außenminister der Universität, der die Kontakte zu anderen Bildungseinrichtungen pflegte. Mit seinen schlohweißen Haaren, der Hornbrille und den grell orangefarbenen Cordhosen unter dem unauffälligen Jacket erinnert er ein wenig an einen weisen Hobbit. Bei der Frage nach Ventura setzt er ein geheimnisvoll-verschmitztes Lächeln auf, als ob er sagen wollte, dass vielleicht gerade die Berufung eines Kraftsportlers zum Gastprofessor Teil jener Magie sei, die Harvard zu dem gemacht hat, was es ist: Zum Synonym für Hochschulbildung der Spitzenklasse. "Aus eckigen Charakteren runde Klassen bilden, das ist eine unserer Maximen", sagt Hunt, und das bedeutet, dass nicht nur außergewöhnliche Schüler willkommen sind, sondern eben auch Lehrer, die aus dem Rahmen fallen.

Perpetuum Mobile der Geldvermehrung

Wo immer auf der Welt von Eliteuniversitäten gesprochen wird, so wie jetzt in Deutschland, fällt als erstes der Name von Amerikas ältestem College, das im Jahr 1636 vom General Court der Massachussetts Bay Colony hier in Cambridge auf der Nordseite des Charles River, gegenüber von Boston, gegründet wurde. Seinen Namen erhielt es von dem puritanischen Theologen John Harvard, der ihm 1638 sein Vermögen vermacht hatte. Seit mehr als dreieinhalb Jahrhunderten wird an den mittlerweile zehn verschiedenen Fakultäten gelehrt und geforscht.

Seine unangefochtene Spitzenstellung errang Harvard vor gut hundert Jahren. Seitdem erhält in den eher unscheinbaren Backsteinbauten rings um den Harvard Yard Amerikas akademische, wirtschaftliche und politische Elite ihren letzten Schliff: Sieben Präsidenten, von John Adams bis George W. Bush, studierten hier, 40 Nobelpreisträger forschten in Harvard, und selbst diejenigen, die ihr Studium hinschmissen, brachten es meist zu etwas - wie ein gewisser Bill Gates bestätigen kann, der hier auch einmal inskribiert war.

Eigentlich ist schnell aufgezählt, was Harvard mit seinen 18.000 Studenten und 2500 Lehrkräften zu einer herausragenden Institution macht, und Richard Hunt hat die Liste schon oft heruntergebetet: "Die lange Geschichte, das Geld, die geografische Lage, puritanische Sparsamkeit, und eine Portion Glück bei der Auswahl der Studenten, der Professoren und der Administratoren." Geld, ja Geld ist wichtig. Mit einem Stiftungsvermögen von 19 Milliarden Dollar ist Harvard die reichste Hochschule der Welt. Zum Vergleich: Münchens Ludwig-Maximilians-Universität hatte 2002 einen Etat von 353 Millionen Euro. Im vergangenen, relativ schlechten Jahr erwirtschafteten allein die beiden "Money Managers" von Harvard einen Ertrag von mehr als zwei Milliarden Dollar an der Börse.

Ein Drittel fließt in den laufenden Haushalt, der Rest wird reinvestiert - ein Perpetuum Mobile der Geldvermehrung. Hinzu kommen 100 bis 150 festangestellte Fundraiser, deren einzige Aufgabe es ist, neue Geldquellen und Spenden zu erschließen.

Geld alleine aber reicht nicht aus, wie Bernd Wittig erkannt hat, obgleich es sicherlich ein gutes Gefühl der Unabhängigkeit gegenüber staatlicher Einflussnahme schafft. Der Deutsche arbeitet seit mehr als zehn Jahren am Massachussetts Institute of Technology (MIT), welches gleichsam die jüngere, technische Schwester von Harvard ist. Unlängst hatte er drei deutsche Kultusminister zu Besuch, und bei einem gemeinsamen Mittagessen mit MIT-Professoren erkundigten sie sich neugierig nach dem Geheimnis der amerikanischen Elite-Unis: "Wie aus einem Mund haben die Amerikaner geantwortet: Die Studenten. Gute Studenten bedeuten gute Professoren. Gute Studenten bedeuten gute Forschung."

Heute Student, morgen weltbekannt

Wie wichtig die Auswahl guter Studenten ist, erfuhr eine andere Delegation deutscher Hochschul-Dekane bei einem Gespräch mit dem in Boston lehrenden Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle. "Die waren fassungslos, als sie hörten, dass der große Mann alle Bewerbungsunterlagen selbst liest", erinnerte sich Wittig. "Das ist eine meiner wichtigsten Aufgaben", hatte Ketterle ihnen erklärt, das könne er nicht einer Sekretärin überlassen.

Das Prinzip, dass der Schüler im Mittelpunkt der Bildung stehen soll, zieht sich in mehr oder weniger ausgeprägter Form durch das gesamte amerikanische Bildungssystem, und es gilt natürlich auch in Harvard. "Wir wollen keine Studenten, die einfach nur klug sind", meint James Cooney und macht dabei eine leicht wegwerfende Handbewegung. "Das wäre doch langweilig. Wir wollen junge Leute mit einer Vielzahl von Talenten und Neigungen."

Cooney betreut als Direktor des Weatherhead Center for International Affairs auch die ungefähr 30 deutschen McCloy-Stipendiaten, die in Harvard studieren, und weil er selbst in Berlin studiert hat, ist er mit den Unterschieden der beiden Systeme innig vertraut. "Sehen Sie her: Als ich in Harvard graduierte, da gab es einen Studienanfänger, der ziemlich gut Cello spielte und manchmal Konzerte gab", sagt Cooney. "Sein Name war Yo Yo Ma, und heute ist er weltbekannt."

Mehr als 20.000 Bewerber

Solche studienfremden Begabungen spielen bei der Auswahl der Studenten eine größere Rolle als der herausragende Notendurchschnitt, den ohnehin fast alle Bewerber vorweisen können. Schon jetzt haben sich 20.986 Oberschüler für den Studienjahrgang 2007 beworben, aber nur 1650 von ihnen werden akzeptiert. Und deshalb achtet man auf Eigenschaften, die in Europa lange einen verzopften Klang hatten: Führungsqualitäten, Charakterstärke, soziales Engagement, intellektuelle Neugier, Integrität und Reife.

Ein reiches Elternhaus hingegen ist keine Voraussetzung für ein Studium in Harvard, und dies, obwohl ein Studienjahr im Schnitt 30.000 Dollar kostet. Tatsächlich interessiert sich die Aufnahmekommission zunächst einmal überhaupt nicht für den finanziellen Hintergrund der Bewerber. Wer auserwählt wird, erhält zusammen mit dem Glückwunschbrief automatisch einen Finanzierungsplan, den er annehmen kann oder nicht. "Need-blind admissions" heißt das System, das Chancengleichheit gewährleisten soll. Perfekt ist es freilich nicht: Kinder ehemaliger Studenten werden gemeinhin bevorzugt, und als einer der beiden Söhne Helmut Kohls sich bewarb, "da schadete es nicht, dass sein Vater Bundeskanzler war", wie Richard Hunt zugibt. Ein klingender Name allein freilich reicht nicht aus, solange der Bewerber die anderen Kriterien nicht erfüllt.

Swati Mylavarapu und Katja Zelljadt haben weder einen großen Namen, noch ein reiches Elternhaus, und doch studieren sie beide in Harvard. Sie gehören zu jenen 70 Prozent von Studenten, deren Studium finanziert wird - durch ein Stipendium oder einen Kredit, der meist gekoppelt ist mit Arbeit auf dem Campus. Die 20-jährige Swati Mylavarapu, die im dritten Jahr Menschenrechte und internationale Entwicklung studiert, kommt aus Gainesville in Florida, wo ihr Vater ein kleines Ingenieurbüro betreibt. Sie ist so gut, dass sich ein halbes Dutzend Elite-Universitäten um sie bemühten. Das Finanzpaket und die Attraktivität der Metropole Boston gaben den Ausschlag für Harvard.

Swati Mylavarapu hat ihre Entscheidung nicht bereut, obschon Harvard "ganz hart auf Konkurrenz aufgebaut" ist: "Schwimm oder ertrinke - das gilt vor allem für das erste Semester." Die Amerikanerin Zelljadt, die in Geschichte promoviert, kann das nur bestätigten: "Harvard ist ganz bestimmt kein warmer und kuscheliger Ort." Bis heute wirken, so hat sie erkannt, die Prinzipien der puritanischen Gründerväter fort: Harte Arbeit unter strenger Aufsicht. Es ist kein Wunder, dass sich Harvards Fakultäten stolz und altmodisch Schulen nennen, und dass im Gespräch weniger von Professoren als von Lehrern die Rede ist.

Zauberlehrlinge auf dem Campus

Puritanisch mutet auch eine andere Eigenart an, die Harvard Züge einer geschlossenen Anstalt nach Art eines Klosters oder einer Kaserne verleiht: Das obligate Gemeinschaftserlebnis. Unter anderem führt das dazu, dass alle 1600 Studienanfänger nach Art der Zauberlehrlinge von Hogwarts ihre Mahlzeiten gemeinsam in der holzgetäfelten Annenberg Hall einnehmen müssen. Zudem müssen alle Freshmen, wie man die Erst-Semester nennt, in Vierer-Wohngemeinschaften auf dem Campus zusammenleben - ob sie wollen oder nicht. Höhere Semester ziehen später in eines der so genannten Houses um, wie man sie auch schon von Harry Potter kennt. Damit will man die anonyme Atmosphäre der Groß-Universität in überschaubare College-Größen aufbrechen.

"Man kann sich die Leute nicht aussuchen, mit denen man zusammengewürfelt wird, und die Uni-Verwaltung versucht, uns gut durchzumischen", hat Swati Mylavarapu erkannt. "Da können Kids aus Problemzonen in verwahrlosten Innenstädten zusammen mit Millionärskindern wohnen oder europäischer Hochadel mit Mittelstand." Aber führt das nicht zu Spannungen, zu Angeberei und Arroganz? Swati Mylavarapu muss nur kurz überlegen. "Nein, Snobismus ist eigentlich kein Problem. Wir wissen ja alle, dass wir zu den Besten gehören, sonst wären wir nicht hier. Wir müssen uns nichts beweisen." Zum Beleg führt sie ihre eigene Wohngemeinschaft an: eine landesweit bekannte Hockey-Spielerin, eine konzertreife russische Pianistin und eine preisgekrönte Dokumentarfilmerin aus Neuengland. "Und wir sind alle nicht älter als zwanzig", fügt sie hinzu.

"Aus diesen Gemeinschaften entstehen Netzwerke, Freundschaften und Erfahrungen, die ein Leben lang halten", hat Bernd Wittig vom MIT erkannt. "Die Studienjahre sollen ja die intensivsten Jahre des Lebens werden. Was zählt, ist nicht nur das Bildungsergebnis, sondern das Bildungserlebnis."

Mäzene, Spender, Stifter

Katja Zelljadt sieht das genauso, und sie zieht eine andere Parallele: "Die englischen Elite-Unis von Oxford und Cambridge haben ein Old-Boys-Network geschaffen, das von der Oberklasse dominiert war; Harvard schafft ein globales Network der Eliten, das von Wissen, Können und Leistung bestimmt ist." Und diese ehemaligen Studenten bleiben ihr Leben lang nicht nur einander, sondern auch ihrer Hochschule verbunden, nicht zuletzt als großherzige Mäzene und Spender. Bibliotheken, Hörsäle, Labore, Museen und Lehrstühle sind nach diesen Stiftern benannt, die sich zeit ihres Lebens auf eine derart intensive Weise mit ihrer Hochschule identifizieren, wie man es andernorts nur von den Fan-Clubs eines Sportvereins kennt.

James Cooney zum Beispiel ist stolz auf seinen Jahrgang, die "Class of 69", und das nicht nur, weil Ex-Vizepräsident Al Gore oder der Schauspieler Tommy Lee Jones seine Kommilitonen waren. Ehrfürchtig zieht er ein rot gebundenes Buch aus dem Regal, das von Umfang und Format an eine Bibel erinnert: Es ist das Jahrbuch, das alle Angaben über alle Angehörigen seines Jahrganges enthält. Alle zehn Jahre wird es überarbeitet und neu aufgelegt. "Irgendwie bleibt man immer in Kontakt", sagt er.

Cooney kennt den deutschen Studienbetrieb und daher weiß er, dass sich das Konzept amerikanischer Top-Universitäten nicht einfach verpflanzen lässt. Und über Nacht ist der Traum von einem deutschen Harvard schon gar nicht zu verwirklichen. Cooney fällt dazu eine Anekdote über Leland Stanford ein, den kalifornischen Eisenbahnbaron des 19. Jahrhunderts. Bevor er die nach ihm benannte Hochschule gründete, erkundigte er sich bei dem damaligen Harvard-Präsidenten Charles Eliot, was man denn für eine Weltklasse-Universität brauche. "Zwanzig Millionen Dollar", erwiderte Eliot. "Ok, kein Problem", meinte Stanford. "Und etwa hundert Jahre Zeit", fügte Eliot hinzu. Cooney lässt die Worte wirken, bevor er schelmisch die Pointe präsentiert: "Manchmal geht es freilich auch schneller. Stanford hat es schon in 70 Jahren geschafft."

© SZ vom 15.1.2004
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