Gymnasium: Debatte um G8:"Wir wollen endlich in Ruhe arbeiten!"

In anderen Bundesländern wird über eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium diskutiert. In Bayern will das niemand - trotz aller Kritik am G8.

Tina Baier

Für Kultusminister Ludwig Spaenle kommt eine Rückkehr zum neunstufigen Gymnasium (G 9), wie sie in einigen Bundesländern diskutiert wird, nicht in Frage. "Das wäre bildungspolitischer Unsinn und eine Zumutung für alle Beteiligten", sagt Spaenle. Damit ist er sich ausnahmsweise mit Schülern, Eltern und Lehrern einig. Obwohl die Unzufriedenheit mit dem achtstufigen Gymnasium (G 8) bei allen Betroffenen nach wie vor hoch ist, will eigentlich niemand das alte G 9 zurückhaben.

Schülerdemo gegen G8 in München, 2010

Die Proteste gegen die Verkürzung der Gymnasialzeit waren laut - zurück zum G 9 möchte in Bayern trotzdem niemand.

(Foto: Robert Haas)

"Wir wollen jetzt in Ruhe arbeiten. Bitte keine Experimente mehr", sagt Irmgard Auktor, Deutschlehrerin am Gymnasium in Grafing. "Wir hatten in den letzten Jahren genug damit zu tun, all die Neuerungen so umzusetzen, dass es für die Schüler und für die Kollegen passt. Ich war deshalb entsetzt, als ich von den Überlegungen in anderen Bundesländern gehört habe."

Rein organisatorisch wäre es kaum zu bewältigen, G 8 und G 9 an ein und demselben Gymnasium parallel anzubieten, wie es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen überlegt wird, glaubt Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands. Außerdem würde es den Lehrermangel, mit dem die Gymnasien vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern zu kämpfen haben, weiter verschärfen. Um Druck von den Gymnasiasten zu nehmen, schlägt Schmidt vor, nach der zehnten Klasse ein sogenanntes Brückenjahr einzuführen. Jeder Schüler könnte selbst entscheiden, ob er das zusätzliche Jahr vor dem Übertritt in die elfte Klasse in Anspruch nehmen will, beispielsweise für einen Auslandsaufenthalt oder weil er das erforderliche Niveau noch nicht erreicht hat.

Schmidt schlägt außerdem vor, das sogenannte P-Seminar, das der Berufsorientierung dienen soll, in die neunte und zehnte Klasse vorzuverlegen. Dadurch würde sich die Arbeitsbelastung in der elften und zwölften Klasse reduzieren, in der die Leistungen schon zur Abiturnote zählen.

Obwohl Ulrike Köllner vom Bayerischen Elternverband kritisiert, dass das G 8 ohne Nachhilfe für die meisten Schüler nicht zu schaffen sei, will auch sie nicht zurück zum G 9. "Das würde an den grundsätzlichen Problemen des Gymnasiums - nämlich zu große Klassen und zu viel Stoff - nichts ändern", sagt sie.

Um das G 8 für die Schüler erträglicher zu machen, fordert Klaus Wenzel, Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands einen Ausbau der gebundenen Ganztagsgymnasien, an denen sich Lernphasen mit Erholungsphasen abwechseln. Derzeit haben die Schüler manchmal den ganzen Vormittag hindurch ein Hauptfach nach dem anderen. Oft bleibt nicht einmal Zeit, um in Ruhe mittagzuessen.

Zurück zum G 9 will auch Wenzel nicht, obwohl er es grundsätzlich für falsch hält, die Bildungszeit immer weiter zu verkürzen. Er plädiert für einen neuen Schultyp zusätzlich zum G 8. Eine pädagogisch anspruchsvolle Schule, auf die die Kinder nach der fünften Klasse wechseln und an der neben dem Mittleren-Schul-Abschluss auch der Realschulabschluss und das Abitur angeboten werden.

© SZ vom 28.09.2010/holz
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