Guttenberg und die Wissenschaft "Die Universität macht sich zum Komplizen des Betrügers"

Einige diskussionswürdige Vorschläge zu einer Reform des Promotionswesens enthalten die Mails jedenfalls. Sie ließen sich durchaus zu einem einigermaßen verbindlichen Kodex verarbeiten.

Einigermaßen - diese Einschränkung muss man betonen, denn zu unterschiedlich sind und bleiben wohl auch die Erwartungen an Doktoranden in einzelnen Fächern. Wer wollte etwa von einem Mediziner erwarten, dass er mindestens drei Jahre in eine Dissertation investiert, wie es beispielsweise bei Historikern üblich ist?

Ein Vorschlag lautet, Promotionsstudiengänge vorzuschreiben, was den akademischen Betreuern die Kontrolle der Kandidaten erleichtern würde. Andere Vorschläge zielen darauf ab, die Begutachtung einer Doktorarbeit nicht vom Doktorvater, sondern von einem unabhängigen Gelehrten vornehmen zu lassen. Für unerlässlich halten es viele Hochschullehrer, die Bewertung einer Arbeit mit der Bestnote summa cum laude von einem externen Prüfer bestätigen zu lassen - was bereits an zahlreichen Hochschulen üblich ist, nicht aber an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth, Guttenbergs Alma Mater.

Matthias Kreck stellt gar in Frage, ob Dissertationen bewertet werden müssen. In den USA verzichte man darauf. Dadurch wäre die disparate und schwer nachvollziehbare Notengebung der einzelnen Universitäten aufgehoben. Um den Wert einer Dissertation transparent zu machen, könnten Doktoranden jedoch verpflichtet werden, einer Veröffentlichung der Gutachten zuzustimmen. Die Logik dahinter: Wer öffentlich einen Doktortitel führt, muss auch ertragen, wenn seine Leistung wissenschaftlich und öffentlich analysiert wird.

In der Regel liegen solche Gutachten einige Wochen in den Fakultäten aus - Einsicht ist nur Professoren gewährt. Zumindest in dieser Frist sollten sie auch im Web zugänglich sein, sagt Rainer Hegselmann, Philosophie-Professor in Bayreuth. Hegselmann protestierte scharf gegen das Vorgehen seiner eigenen Universität: Er vermisst eine klare Verurteilung des Plagiats. Es sei für niemanden nachvollziehbar, dass bei Guttenbergs Arbeit "nicht auf absichtliche Täuschung und Betrug seitens des Doktoranden erkannt" wurde.

Die Universität habe dadurch den Schaden für Guttenberg offensichtlich minimiert und den Doktorgrad lediglich unter Berufung auf das Verwaltungsverfahrensgesetz aberkannt. Hegselmann schrieb dem Bayreuther Universitäts-Präsidenten: "Durch Finessen dieser Art macht sich die Universität faktisch zum Komplizen eines Betrügers."