Süddeutsche Zeitung

Guttenberg-Buch über Plagiatsaffäre:"Ich bin kein Blender und Betrüger"

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Karl-Theodor zu Guttenberg gibt vor, Reue zu zeigen - und geht zum Angriff über: In seinem Buch "Vorerst gescheitert" erhebt der ehemalige Bundesminister schwere Vorwürfe gegen die Uni Bayreuth und beharrt weiter darauf, nicht vorsätzlich getäuscht zu haben. Die Uni selbst reagiert verhalten, doch Jura-Professor Lepsius findet deutliche Worte.

Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat der Universität Bayreuth in der Plagiatsaffäre schwere Vorwürfe gemacht. "Die Universität war in dieser Sache leider nicht unabhängig, wie etwa die Staatsanwaltschaft, sondern immer Partei", sagt der 39-jährige CSU-Politiker in dem Interview-Buch Vorerst gescheitert, das am heutigen Dienstag erscheint.

Guttenberg bekennt sich darin zu zahlreichen Fehlern in seiner Doktorarbeit. Den Vorwurf der vorsätzlichen Täuschung, den die Uni Bayreuth erhoben hat, weist er aber entschieden zurück. Auch versichert er, es habe "selbstverständlich" keinen Ghostwriter gegeben. Zudem sei er kein Blender, wie Kritiker oft behaupten. "Das ist einfach ein Attribut, das meinem bisherigen Leben nicht gerecht wird."

Guttenberg bemängelt, das Urteil der Prüfung seiner Arbeit habe von vornherein festgestanden. "Ich bin nicht bereit, mir von einer Kommission, die noch nicht einmal mehrheitlich mit Juristen besetzt gewesen ist, eine rechtlich relevante vorsätzliche Täuschung vorwerfen zu lassen." Er wirft der Uni zudem vor, ihr sei es nur um den drohenden Verlust von Forschungsgeldern gegangen.

Der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) wies die Vorwürfe am Montag zurück. Er attestierte der Uni eine sorgfältige und unabhängige Prüfung der Doktorarbeit Guttenbergs. "Daran gibt es nichts zu deuten."

Die Universität Bayreuth hält sich hingegen vorerst mit einer Stellungnahme zur Kritik von Guttenberg zurück. "Die Uni Bayreuth kommentiert nichts, solange sie das Buch nicht gelesen hat", sagte Uni-Sprecher Harald Scholl der Nachrichtenagentur.

"Fall von Realitätsverlust"

Der ebenfalls in dem Buch angegriffene Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius nannte zu Guttenbergs Äußerungen wie bereits zuvor einen "Fall von Realitätsverlust". Er hatte zu Guttenberg offen als Betrüger bezeichnet. Lepsius erklärte, er müsse das Buch erst lesen und dann entscheiden, ob es überhaupt wert sei, sich weiter dazu zu äußern.

Guttenberg greift in dem Buch auch ehemalige Weggefährten aus der CDU und seine eigene Partei an. Er wirft Bildungsministerin Annette Schavan, Bundestagspräsident Norbert Lammert und dem früheren Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Wolfgang Böhmer, vor, ihm in der Affäre ohne Vorwarnung in den Rücken gefallen zu sein.

Die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär hat Guttenbergs Kritik an ihrer Partei mittlerweile zurückgewiesen. Sie könne seine Behauptung, die Christsozialen seien keine Volkspartei mehr, nicht nachvollziehen, sagte Bär am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Die CSU sei auch "ein Stück Heimatgefühl" und eine Weltanschauung. Deswegen sei es "schon ein bisschen schade", wenn die über 200.000 Mitglieder sich jetzt so belehren lassen müssten.

Sein politisches Erbe verteidigt er in dem Buch vehement. Überraschend enthüllt Guttenberg aber, dass er auch ohne die Plagiatsaffäre vor der Bundestagswahl 2013 seinen Regierungsposten als Verteidigungsminister räumen wollte, um sich nicht zu sehr vom Politikbetrieb vereinnahmen zu lassen. "Ich habe der Bundeskanzlerin Ende letzten Jahres angekündigt, dass ich wahrscheinlich vor Ende der Legislaturperiode aufhören werde."

Anfang März war Guttenberg zurückgetreten, nachdem in seiner Doktorarbeit zahlreiche ungekennzeichnete Zitate entdeckt worden waren. Ein Ermittlungsverfahren wurde in der vergangenen Woche gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Die Plagiatsaffäre bleibt für den früheren Politiker damit ohne strafrechtliche Konsequenzen.

In einem Interview, das Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit ihm im Oktober in einem Londoner Hotel geführt hatte, meldete er sich jetzt erstmals wieder ausführlich zu Wort.

Guttenberg greift Kritiker aus der Politik an

Von seinen Kritikern in der CDU greift Guttenberg vor allem Bundestagspräsident Lammert an, der im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre von einem Sargnagel für das Vertrauen in die Demokratie gesprochen haben soll. "Ein Sargnagel braucht immer jemanden, der den Hammer hält und den Sargnagel einschlägt", sagt Guttenberg. "Diese Rolle würde ich dem Autor des Satzes zugestehen. Das war wirklich unglaublich."

Der CSU-Politiker wiederholt die These aus seiner Rücktrittserklärung, dass er das Verteidigungsministerium als "bestelltes Haus" und nicht etwa einen "Trümmerhaufen" hinterlassen habe. Sein Nachfolger Thomas de Maizière habe seine Pläne für die Bundeswehrreform zu 95 Prozent übernommen. Dass es diese tiefgreifendste Reform in den deutschen Streitkräften seit Gründung der Bundeswehr nun gibt, rechnete sich Guttenberg durchaus als Verdienst an. Dafür seien zwei Dinge notwendig gewesen: Die Überzeugung von der unbedingten Richtigkeit der Reform und die "Bereitschaft, nötigenfalls zu scheitern".

Schon wenige Tage vor dem Verkaufsstart war nach Angaben des Herder-Verlags in Freiburg der Großteil der Startauflage von 80.000 Exemplaren des Guttenberg-Buchs von Händlern gekauft oder von Lesern vorbestellt. Ein Sprecher des Verlags sagte der Nachrichtenagentur dpa, man stehe bereits in den Startlöchern, um nachzudrucken.

Am 28. Januar 2012 will der CSU-Politiker erstmals seit seinem Rücktritt wieder vor großem Publikum in Deutschland auftreten - bei der Verleihung des "Ordens wider den tierischen Ernst" des Aachener Karnevalvereins. Wie versprochen wolle er dort die Laudatio auf den Kabarettisten Ottfried Fischer halten. "Wenn ich nichtpolitische Versprechen gebe, dann halte ich die", sagte er zur Begründung. Politische Versprechen gebe er erst gar keine ab, weil er die selbst nie habe hören können.

Guttenberg hatte den Orden im vergangenen Jahr zugesprochen bekommen, ihn aber nicht selbst entgegengenommen. Für ihn sprang Bruder Philipp ein und hielt eine vielgelobte Rede. Traditionell hält der Ordensträger im folgenden Jahr die Laudatio auf den Nachfolger.

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