Großraumbüro Einzelbüro? Privileg aus vergangenen Zeiten

Diese Hoffnung, in Europa eine vernünftigere Alternative zu haben, ist, einerseits, etwas sehr Amerikanisches. Es unterschätzt nur, in welchem Maße sich die Europäer bis heute an amerikanischen Vorbildern orientieren. An den kinderzimmerartigen Arbeitswelten bei Google und Facebook zum Beispiel, aus denen die Leute so wenig wie möglich in so etwas wie ein Privatleben jenseits der Firma entkommen sollen. An den Versprechen, dass dank des Internets jeder von zu Hause arbeiten könne - was aber immer schon nur für die galt, die dort nicht von so etwas wie einer Familie davon abgehalten werden. Und an der explosionsartigen Vermehrung der "Freelancer", die ihren Laptop im Coffeeshop aufklappen und sich eher für Unternehmer halten als für besonders abhängig Beschäftigte mit Konsumzwang ("white collar delusion 2.0" sozusagen). Und dann auch an Marissa Mayer, ehemals Google, dann Yahoo!, die all die Leute da draußen wieder zur Präsenz bei Hofe verdonnerte, denn Vertrauen ist - Lenin! - gut, aber Kontrolle ist trotzdem besser.

Kontrolle ist - das lernt man in Savals Buch, das lehrt einen aber auch der pure Augenschein - im Prinzip sogar alles, Kontrolle und tayloreskes Fundamentalmisstrauen: Wer nichts zu verbergen hat, wird ja wohl auch im Großraumbüro arbeiten können. Nun gibt es Branchen, in denen die Anordnung der Mitarbeiter in leicht zu überblickenden Bankreihen sinnvoller ist als in anderen. Das Betreiben von Sklavengaleeren gehört möglicherweise dazu. Das Betreiben von Verlagshäusern möglicherweise eher nicht. Aber darin, dass das Ideologem der "Offenheit" moralisierend gegen das Bedürfnis der Ungestörtheit in Stellung gebracht wird, gleicht die Gestaltung von Büros heute gewissermaßen dem Internet.

Schön, aber leider nicht mehr bezahlbar

Das eigene Büro, der Schreibtisch, auf dem die Sachen auch mal liegen bleiben können bis morgen, ein Fenster nach draußen, eine Tür, die man offen lassen, aber eben bei Bedarf auch mal zu machen kann: Das gilt heute zunehmend als ein Privileg aus vergangenen Zeiten, als etwas in der Art von einem Dienstwagen oder einer Spesen-Kreditkarte - schön, aber leider, leider nicht mehr bezahlbar.

Bei der BBC in London haben sie für 5600 Mitarbeiter überhaupt nur noch 3500 Schreibtische stehen. Angeblich, um die arbeits- und krankheitsbedingten Leerstände zu verringern. Man darf aber annehmen, dass es für das mittlere Management auch recht amüsant sein dürfte, ihre Unterlinge jetzt jeden Tag "Reise nach Jerusalem" spielen zu sehen; es garantiert sicherlich ein frühes Erscheinen.

Atavismus aus vordigitalen Zeiten?

Eine Studie der Universität Stockholm wiederum hat soeben gezeigt, dass in Großraumbüros, in denen die Leute nicht einmal mehr einen festen Arbeitstisch haben, die Zahl der Krankmeldungen signifikant ansteigt. Das Unbehagen über fehlende Privatheit am Arbeitsplatz kann man natürlich als Atavismus aus vordigitalen Zeiten denunzieren. Für offene Pläne, für Großraumbüros mit oder ohne Cubicles sprechen auf jeden Fall Gründe der Geldknappheit. Dafür spricht sicher auch das Bild von Offenheit, das sich darüber transportiert.

Wenn es aber um Effizienz geht, wenn es um Leistung geht, wenn es also darum geht, dass Arbeit in einer bestimmten Zeit bewältigt wird, nämlich idealerweise in der Arbeitszeit: Dann sollte man die Option Einzelbüro mit Tür, schließbar, vielleicht noch nicht gänzlich aus dem Auge verlieren.

Als Michael Pietsch, der Verlagschef von Hachette, von der New York Times gefragt wurde, wie er eigentlich die Ruhe finden will, ein Manuskript zu lektorieren (und das ist ja nun mal das, was Lektoren tun), wo er jetzt so demonstrativ im Gewühl eines Großraumbüros sitzt - da war seine Antwort in dieser Hinsicht jedenfalls recht aufschlussreich: "Zu Hause - nachts und am Wochenende."