Süddeutsche Zeitung

GRE:Im Testfieber

Wer in Amerika promovieren will, muss meist den Zulassungstest GRE machen - und der ist heftig umstritten. Ein Erfahrungsbericht.

Vivien Marx

GRE, ich liebe dich wirklich nicht! Doch wen es - wie mich - zum Master-Abschluss oder zur Promotion in die USA zieht, braucht einen Zulassungstest, in der Regel den ,,Graduate Record Examinations'', kurz GRE. Jedes Jahr absolvieren ihn mehr als 350000 Kandidaten. Ich lerne also für den GRE, bin bereits im Endspurt. Mein Sechs-Wochen-Intensivkurs, ein 1000-Dollar-Spaß mit Seminar, Hausaufgaben und Online-Hilfe geht bald zu Ende. Der Tutor predigt: Mit Lernkärtchen sollen wir Vokabeln büffeln, Geometrie lernen, Mathe-Formeln pauken. Wurzel aus 3? Ist 1,73. Wie merken? Der 17. 3. ist Sankt Patrick's Day.

Der GRE, den die Testverwalter des ,,Educational Testing Service'' (ETS) anbieten, dauert fast vier Stunden. Zu bewältigen sind zwei Essays, ein Mathematik- und ein Sprachteil. Alles läuft per Computer in einem Testzentrum, ob in Boston, Berlin oder München. Die Software stachelt an: Beantwortet man eine Frage richtig, wird die nächste Frage schwieriger.

Der Nachrichtentechniker Stephan Hengstler, deutscher Doktorand an der Stanford-Universität, kannte Klausuren unter Zeitdruck von der heimischen Uni in Karlsruhe, aber das GRE-Testzentrum glich eher einem Gefängnis, sagt er. ,,Alles wird einem abgenommen, der Geldbeutel und alles andere kommt in ein Schließfach.''

Manchen bereitet der Test keine Probleme. Hasan, Ingenieurwissenschaftler an der Humboldt-Uni in Berlin, ist von Herbst an Doktorand an der Carnegie-Mellon-Universität. Im Mathe-GRE erzielte er 800 von 800 möglichen Punkten. Hasan mag standardisierte Tests. ,,Sie sind objektiv'', sagt er. Der Glückliche! Bei den Aufgaben geht es auch um Schnelligkeit, die Formulierungen sind oft verwirrend: ,,Der arithmetische Mittelwert von 6, 21, x, z ist 13. X, y haben 100 als Produkt. Was könnte der Wert von x sein?''

Monatelang lernen

Eylem schließt gerade ihr deutsches Diplom in Volkswirtschaftslehre ab. Zur Promotion erhielt sie eine Zusage von der Universität Texas. Die GRE-Mathematik bereitete ihr keine Probleme, die Essays verliefen recht gut, aber ,,richtig schlecht'' wurde das Resultat beim sprachlichen Teil.,,In meinem ganzen Leben habe ich die meisten abgefragten Begriffe noch nie gesehen'', sagt sie.

Was in aller Welt bedeutet zum Beispiel stentorian (schallend, überlaut), calumny (Rufmord) oder halcyon (ruhig)? Selbst einige ihrer Stanford-Professoren kannten viele Vokabeln nicht, empören sich Bharat Venkat und Vinni Intersimone in einem Kommentar der Universitätszeitung Stanford Daily. ,,Wir sollten Stanford und andere Universitäten ermutigen, unser Geld und unsere Zeit nicht mit diesen Tests zu verschwenden'', schreiben sie.

Die Testfirma ETS empfiehlt Universitäten und Stipendienverwaltern, den GRE nicht als einziges Kriterium für die Zulassung einzusetzen. Einige Fachbereiche verzichten ganz auf den GRE, andere geben auf ihren Internetseiten die Punktzahl an, die ihre Studenten typischerweise erreichen (müssen). ,,Eine hohe GRE-Punktzahl bedeutet keine automatische Zulassung, aber niedrige Ergebnisse sind ein Problem'', schreibt Phil Koopman, Informatikprofessor der Carnegie-Mellon-Universität.

Heftig debattieren Pädagogen und Psychologen Tests wie den GRE. Im US-Bildungssystem werde Leistung in erster Linie ,,als Fähigkeit definiert, gut bei Tests abzuschneiden'', sagt Peter Sacks, Autor des Buches ,,Standardized Minds: The High Price of America's Testing Culture''. Der GRE versage aber bei der Vorhersage des Studienerfolges. Psychometrik-Spezialistin Rebecca Zwick von der University of California in Santa Barbara sagt, dass standardisierte Tests den Zulassungsgremien beim Vergleich von Kandidaten helfen.

In ihrem Buch ,,Fair Game? The Use of Standardized Admissions Tests in Higher Education'' räumt sie jedoch ein, der GRE zeige nicht, wer am ehesten den Studienabschluss erziele. ,,Genau wie die Altersangabe, das Körpergewicht, der Cholesterinspiegel oder jedes andere Maß, sind Testergebnisse weder vollständig noch perfekt.''

Studien zeigen, dass Kandidaten aus betuchterem Hause besser abschneiden, Frauen und Angehörige von Minderheiten erzielen unterdurchschnittliche Ergebnisse. Über die Leistungsunterschiede wird rege geforscht. Testsieger ist in jedem Falle die Testindustrie. Das Unternehmen ETS arbeitet zwar nicht kommerziell, aber es ist viel Geld im Spiel. Im Jahre 2005 setzte ETS nach eigenen Angaben 800 Millionen Dollar um und zahlte fast 150 Millionen Dollar an Firmen, die Tests durchführen.

Den GRE hat Stephan Hengstler zweimal gemacht: zuerst als Austauschstudent der Uni Karlsruhe an der Universität Massachusetts in Dartmouth, als er Diplom und Master gleichzeitig ablegte. Danach arbeitete er in der Industrie, belegte Kurse nebenher in Stanford und promoviert nun dort. Da GRE-Ergebnisse nur fünf Jahre Gültigkeit haben, musste er den Test erneut ablegen.

Anders als beim ersten Mal lernte er vier Monate lang und verbesserte so seine Punktzahl im sprachlichen Teil. Er sagt, die für Stanford typischen GRE-Ergebnisse würden eher abschrecken. ,,Für die, die weniger gut abschneiden, hier ein Trost'', sagt er: ,,Selbst in Stanford zählt das Gesamtbild, man kann eine nicht so gute Punktzahl mit Publikationen und dem Lebenslauf ausgleichen.''

Die nächste Textaufgabe mit Gewichtangaben in Pfund und Unzen schwimmt mir vor den Augen. Ich lege eine Kaffeepause ein.

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SZ vom 30.7.2007
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