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Jobsuche:Googles nächste Attacke

In den USA ist "Google for Jobs" nach Schätzungen bereits für 80 Prozent der Bewerber die erste Station auf der Stellensuche.

(Foto: AFP)

Mit einer neuen Jobsuche-Funktion rollt der Internetkonzern seit ein paar Wochen den Stellenmarkt auf. Online-Portale, die nicht mit ihm kooperieren, könnten bald überflüssig werden.

Ein einziges Wort weist den Weg zum neuen Job: Allein durch die Eingabe "Bürokauffrau" in die Google-Suchmaske werden der Nutzerin an diesem Tag 81 freie Stellen in der Region Stuttgart angezeigt. Vorausgesetzt, Google kennt ihren Standort. Die blaue Box mit dem Titel "Stellenangebote" ist vor den nach Relevanz geordneten Suchergebnissen platziert. Wer sie öffnet, kann durch alle Angebote scrollen und unter anderem nach Branche, Vollzeit oder Teilzeit oder der Entfernung zum Arbeitsplatz filtern. Ein weiterer Klick führt zur genauen Stellenbeschreibung, Angaben zum Unternehmen sowie zu Bewertungen von Mitarbeitern, die jetzt schon dort arbeiten.

Die Jobsuche-Funktion von Google startete in den USA im Jahr 2017 als Teil des Programms "Google for Jobs", das auch einen Service zur Personalbeschaffung für Unternehmen umfasst. Letzterer wird in Deutschland bislang nicht angeboten, die Jobsuche-Funktion gibt es jedoch seit dem 22. Mai.

Wie das Webanalysetool Sistrix herausfand, erscheint die Google-Jobbox seither bei der Eingabe von etwa 14 000 Suchbegriffen rund um Arbeit, Ausbildung, Berufe und Namen von Unternehmen ganz oben, während die bekannten Online-Jobbörsen dahinter landen.

Google wurde so praktisch über Nacht zum sogenannten Sichtbarkeits-Marktführer in diesem Themenfeld, wie es dem Internetkonzern zuvor schon mit Flügen oder Restaurants gelungen war. Zwar werden oberhalb der Google-Jobbox diverse Links angezeigt, etwa zu Indeed, Monster, Stepstone oder meinestadt.de. Im Vergleich zur Box selbst sind diese Links allerdings eher unauffällig.

Marktführer Stepstone lehnt die Zusammenarbeit mit Google ab

In den USA ist "Google for Jobs" nach Schätzungen heute schon für 80 Prozent der Bewerber die erste Station auf der Stellensuche. Der Konzern will diese Zahl nicht kommentieren. "Bis heute haben wir mehr als hundert Millionen Menschen in mehr als 120 Ländern über diese Funktion mit Jobs verbunden", lässt Google-Manager Nick Zakrasek schriftlich mitteilen.

Die Informationen, die in der Jobbox angezeigt werden, holen sich Algorithmen aus dem Netz - von den Karriereseiten der Unternehmen, von Arbeitgeber-Bewertungsplattformen oder von Partnern, die mit Google zusammenarbeiten. Dazu gehören beispielsweise das Karrierenetzwerk Xing und die international tätige Stellenbörse Monster. Die Google-Partner erhoffen sich eine höhere Reichweite. "Google ist ein relevanter Einstiegspunkt in die Jobsuche. Unsere Aufgabe ist es, dort zu sein, wo die Kandidaten sind", sagt Steffen Günder, Monster-Vertriebsleiter für Deutschland.

Dagegen lehnen die Jobbörse Stepstone, der Marktführer in Deutschland, sowie der japanische Weltmarktführer Indeed eine Zusammenarbeit mit Google strikt ab. Stepstone sowie der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger haben schon 2018 bei der EU-Kommission Beschwerde gegen die neue Google-Suchfunktion eingelegt: Sie werfen dem Konzern vor, seine Marktmacht zu missbrauchen, um das eigene Produkt zu bevorzugen und letztlich die Konkurrenz aus dem Stellenvermittlungsmarkt zu verdrängen.

Eine Entscheidung der EU-Kommission steht noch aus. Dass die Jobbörsen mittelfristig überflüssig werden könnten, bekommt Monster in den USA aber schon zu spüren: Das Analysetools Similarweb registrierte dort 2019 weniger als halb so viele Zugriffe auf Monster wie vor dem Start von "Google for Jobs".

In Deutschland gibt es fast 1200 verschiedene Stellenbörsen

Monster Deutschland hat sich offenbar schon darauf eingestellt, dass die Einnahmen aus Stellenanzeigen zurückgehen werden. Man wolle sich jetzt stärker auf inhaltliche und technologische Beratungsleistungen für Arbeitgeber konzentrieren, sagt Steffen Günder, unter anderem zur Optimierung der Karriereseiten von Unternehmen. Denn um in der Google-Jobbox überhaupt zu erscheinen, wenn möglich auf einem der oberen Plätze, müssen Arbeitgeber sehr genaue und vielfältige Informationen zu der Stelle im HTML-Code auf der Seite hinterlegen. "Viele Personalabteilungen können die Optimierung für Google und auch andere Strategien nicht selbst intern umsetzen, hier werden wir als Experte auch zukünftig gefragt sein", meint Günder optimistisch.

Aus Bewerbersicht scheint die Jobsuche-Funktion auf den ersten Blick nur Vorteile zu bieten: Die mühselige Suche in vielen verschiedenen Jobbörsen entfällt, wenn alle Angebote in einer Box erscheinen. Zudem nützt das Prinzip, dass Arbeitgeber möglichst viele Informationen zur Verfügung stellen, automatisch auch den Bewerbern. In der Praxis zeigt sich allerdings schnell, dass zumindest derzeit nur ein Teil der passenden Stellenangebote per Google-Suche zu finden ist.

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Das liegt zum einen daran, dass zahlreiche Stellen über Jobbörsen oder Verlage inseriert werden, die nicht mit Google kooperieren. Zum anderen sind viele Unternehmen noch nicht weit genug mit der Umgestaltung ihrer Seiten. Freie Stellen bei Zeitarbeitsfirmen kommen hingegen bei den Google-Algorithmen auffällig gut an. So findet die Stuttgarter Bürokauffrau auf Stellensuche unter ihren ersten zwölf Jobbox-Treffern sieben Zeitarbeitsstellen. Bei einer Suche in der Börse der Arbeitsagentur sieht das Ergebnis ähnlich aus, während Zeitarbeitsangebote bei den großen kommerziellen Jobbörsen wesentlich seltener zu finden sind.

Die Datenbank des Branchenbeobachters Crosswater-Job-Guide listet fast 1200 verschiedene Jobbörsen in Deutschland auf. Dazu zählen neben den bekannten Generalisten auch kleine regionale Stellenportale sowie Spezialisten für Ingenieure, Mediziner oder IT-Experten. Die meisten Jobbörsen bieten die Möglichkeit, ein Bewerberprofil anzulegen oder den Lebenslauf aus einem Karrierenetzwerk zu übernehmen, um sich damit besonders einfach und schnell bewerben zu können - so wie es Bewerber heute nach Meinung aller Experten erwarten.

Weil mehr Menschen an der Möglichkeit interessiert sind, sich von mobilen Geräten aus bewerben zu können, ist auch das Angebot an Jobvermittlungs-Apps in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Alle großen Jobbörsen gibt es heute auch in einer mobilen Version, zudem haben sich etliche Nischenanbieter etabliert - beispielsweise Jobufo, das Bewerbungen per Video ermöglicht, oder Mobilejob, die bislang einzige App speziell für Jobs im Gewerbe. "Das Angebot an Job-Apps wird sich sicher noch weiter ausdifferenzieren. Die vorhandenen Apps richten sich vor allem an junge Leute", sagt Professor Peter Wald, Personalmanagement-Experte an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig.

Eine bequeme Jobvermittlung garantiert noch keine schnelle Zusage

Das Berliner Start-up Truffls setzt seit der Gründung 2014 vorrangig auf Schnelligkeit und intuitives Bedienen. Es war die erste Job-App, die nach dem Prinzip von Tinder funktioniert: Interessante Jobangebote werden einfach nach rechts gewischt, uninteressante nach links. "Wir richten uns vor allem an Kandidaten, die offen für Neues sind, aber eigentlich keine Zeit zum Bewerben haben", sagt Truffls-Gründer Matthes Dohmeyer. Die meisten Nutzer sind Akademiker in Großstädten. Sie schauen bevorzugt in die App, wenn sie vor oder nach der Arbeit in der S-Bahn sitzen.

Jobbörsen und -Apps sowie die Google-Suchfunktion können zwar die Jobsuche beschleunigen. Aber letztlich hängt es von den Arbeitgebern ab, wie lange es bis zu einer Zusage dauert. Die 24-jährige Lisa Freiberger, die nach ihrem Masterabschluss in Wirtschaftsrecht im Oktober 2018 fast alle Kanäle nutzte, hat einige Erfahrungen gesammelt: "Viele Unternehmen haben überhaupt erst nach zwei Wochen auf meine Bewerbung reagiert, eines hat mich im Januar zu einem Vorstellungsgespräch im April eingeladen."

Da ging Lisa Freiberger allerdings nicht mehr hin: Sie hatte in der Zwischenzeit schon einen Job bei einem Berliner Bildungsanbieter gefunden, mit der Truffls-App. "Anfang März habe ich die Stelle nach rechts gewischt, und sie haben mir noch am selben Tag zurückgeschrieben", erzählt sie. "Nach einem Telefonat haben wir einen Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbart - und kurz danach habe ich schon angefangen."

Dass Bewerbungen automatisch immer noch einfacher, schneller und bequemer werden, ist nicht unbedingt gesagt. Denn dieser Trend wurde nicht nur durch die neuen technischen Möglichkeiten ausgelöst, sondern auch durch den für viele Bewerber sehr günstigen Arbeitsmarkt der letzten Jahre. Diese Situation könnte sich wieder ändern, auch wenn bestimmte Fachkräfte sehr gefragt bleiben werden.

"Gut möglich, dass künftig ein und dasselbe Unternehmen verschiedene Bewerbungsverfahren vorsieht", meint dazu der Leipziger Wirtschaftswissenschaftler Peter Wald: "Die einen bekommen mit ein paar Klicks eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, die anderen müssen deutlich mehr Aufwand treiben."

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