Gleichberechtigung im Job "Singuläre Maßnahmen wie ein Girls-Day bringen nichts"

Wenn sich die im wahrsten Sinne des Wortes geringere Wertschätzung von Frauenarbeit derart festgesetzt hat in den Tarifverträgen, auf den Gehaltskonten und nicht zuletzt in den Köpfen der Menschen, was kann man noch dagegen tun?

Ein simpler Trick wäre, dass mehr Frauen sich besser bezahlte Jobs in Männerdomänen suchen. Doch bei der Berufswahl anzusetzen, erweist sich als besonders kniffelig: "Die Forschung zeigt, dass diese Präferenzen unglaublich früh entstehen. Singuläre Maßnahmen wie ein Girls-Day oder ein Boys-Day ändern daran so gut wie nichts", sagt Kleinert. Und niemand will schließlich einem Mädchen vorschreiben, Ingenieurin statt Hebamme zu werden. Außerdem haben weiblich konnotierte Tätigkeiten ja durchaus einen hohen Wert für die Gesellschaft - unabhängig von der miesen Entlohnung.

Wem eine faire, gleichberechtigte Bezahlung von Frauen am Herzen liegt, sollte sich eher darauf konzentrieren, dass die Berufe, die vor allem von Frauen gemacht werden, fair bezahlt werden. Besonders groß ist das Missverhältnis im Bereich der Care-Arbeit. Da angesichts der Erfahrungen in den vergangenen Jahren nicht absehbar ist, dass sich das Problem über die Marktwirtschaft löst, sind Politik und Gesellschaft gefragt.

Süddeutsche Zeitung Wirtschaft Das Gender-Pay-Gap-Experiment
Gleichberechtigung

Das Gender-Pay-Gap-Experiment

Wie groß ist die Lücke, wenn man wissenschaftlich Diskriminierung ausschließt? Erschreckend hoch, haben zwei Forscherinnen festgestellt.   Von Sarah Schmidt

Von der Einführung des Mindestlohns zum Beispiel haben viele Frauen profitiert, wie sich nach dem ersten Jahr gezeigt hat - schließlich sind eine Reihe der am schlechtesten bezahlten Berufe weiblich besetzt. Auch wenn der Effekt sich nur am unteren Ende der Gehaltstabelle abspielt, hat sich die Lohnlücke immerhin um einen Prozentpunkt geschlossen.

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat den Entwurf für ein Entgeltgleichheitsgesetz vorgelegt - das nun in den Mühlen der großen Koalition unterzugehen droht. Die Idee dahinter: Die Unternehmen sollen Rechenschaft darüber ablegen, was sie konkret tun, um "erwiesene Entgeltdiskriminierung" zu beseitigen. Zudem soll es mehr Transparenz darüber geben, für welche Arbeit wie viel gezahlt wird. In der Theorie beides geeignete Maßnahmen, um Frauen zu faireren Löhnen zu verhelfen. In der Praxis wird die Idee wohl an den fehlenden Sanktionsmöglichkeiten scheitern, mit denen Firmen zur Rechenschaft gezogen werden können, die sich nicht ans "Fair Pay" halten.

Symbolischer Wert, gesellschaftliche Debatte

Soziologin Corinna Kleinert setzt auf aktuelle Forschungsprojekte, die akribisch die Anforderungen verschiedenster Tätigkeiten aufschlüsseln. "Bislang wurde zum Beispiel psychische Belastung viel zu wenig berücksichtigt. Sind diese neuen Tools fertig, werden auch so unterschiedliche Jobs wie technische Berufe und Pflegeberufe vergleichbar." Das habe zwar vor allem symbolischen Charakter, so Kleinert, dennoch könnte eine gesellschaftliche Diskussion angestoßen werden.

Und die ist zwingend nötig - so tief wie die Geringerschätzung weiblich geprägter Berufstätigkeiten nicht nur im Wirtschafts- sondern auch im Wertesystem der Gesellschaft verankert ist. Wenn sich hier nichts tut, dann werden nicht nur die aktuell arbeitenden Frauengenerationen systematisch finanziell benachteiligt, sondern auch noch einige weitere. Geht es im bisherigen Schneckentempo weiter, wird es bis zur Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern nämlich noch bis zum Jahr 2133 dauern.

Pay-Gap-Rechner

Berechnen Sie mit unserem Tool, was die Lohnlücke für Ihr Gehaltslevel bedeutet. Werden Faktoren wie Teilzeit oder Bildungsniveau herausgerechnet bleibt eine Differenz von 7 Prozent (die sogenannte "bereinigte Lohnlücke"). So viel verdienen Männer durchschnittlich mehr als Frauen. Auf den ersten Blick mag das vielleicht als nicht besonders viel erscheinen, über einen längeren Zeitraum summiert sich dieser Unterschied jedoch zu stattlichen Summen. Aber sehen Sie selbst:

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.