Gleichberechtigung im Job Ab 60 Prozent Frauenanteil wird deutlich schlechter gezahlt

Daniel Oesch ist Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Lausanne. Auch er forscht zum Thema Lohnlücke und Frauenanteil. Während Kleinert und Co. betrachtet haben, was passiert, wenn ganze Berufe "das Geschlecht wechseln", hat Oesch sich angeschaut, was passiert, wenn Einzelpersonen von einem männlich geprägten Beruf in einen weiblich geprägten Beruf wechseln oder andersrum.

Auch er stellt fest: Der Wechsel von einer Frauen- in eine Männerdomäne zahlt sich negativ aus. Ab einem bestimmten Schwellenwert sinkt die Entlohnung von Frauenberufen besonders drastisch, zeigen die Daten. Dieser Schwellenwert liegt bei 60 Prozent. "Bei diesem Wert wird aus einem geschlechtsneutralen Beruf ein typischer Frauenberuf. Dann ändert sich offenbar die Vorstellung darüber, was eine angemessene Entlohnung ist", sagt Oesch. Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass Frauenberufe gesellschaftlich geringer geschätzt werden.

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Oeschs Studie zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Bereich: In der Privatwirtschaft ist die schlechtere Entlohnung von Frauenarbeit sehr viel ausgeprägter als bei staatlichen Institutionen. Eine deutsche Besonderheit: Ein größerer Teil der Löhne ist durch Tarifverträge bestimmt. Im Vergleich mit Großbritannien und der Schweiz, so Oesch, trage das eher dazu bei, dass die Unterschiede in der Bezahlung kleiner ausfallen.

Corinna Kleinert hingegen wendet ein, dass auch in den Tarifverträge viele Frauenberufe niedriger eingruppiert sind als Männerberufe. Diese Lohnungerechtigkeit sei damit für große Gruppen zementiert. Wann immer sich Gewerkschaften und Arbeitgeber an den Verhandlungstisch setzen, orientieren sie sich am bestehenden Tarifvertrag, am bisherigen Niveau. "Darum verändert sich da unheimlich wenig", sagt Kleinert. Was dazu führt, dass, selbst wenn für Lohnerhöhungen gekämpft wird, Fortschritte immer nur auf einem niedrigeren Niveau erreicht werden. "Gewerkschaften alleine sind vor allem dann gut für Frauen, wenn auch Frauen drin sitzen."

Das Ausbildungssystem zementiert die Berufswahl

Auch eine weitere Besonderheit des deutschen Arbeitsmarktes sorge für eine starke Segregation und damit ein zementiertes Lohngefälle: das Ausbildungssystem. "So lobenswert das in vieler Hinsicht auch sein mag, es führt dazu, dass sehr früh eine Berufsentscheidung getroffen wird", so Kleinert. Gerade als 16-Jährige, als 17-Jähriger sei man noch sehr viel stärker von den Erwartungen und Prägungen des Umfelds abhängig. Hier braucht es schon sehr viel Mut und Durchsetzungsvermögen als Mädchen zu sagen: "Ich werde Kfz-Mechanikerin." Im weiteren Verlauf sorge die Ausbildung dann für eine sehr starke Spezialisierung - was es später im Leben erschwert, noch einmal den Beruf zu wechseln.

Ist es angesichts dieser düsteren Aussichten also doch besser, wenn jede Frau auf eigene Faust ihr Gehalt verhandelt? Nein, gegen die Ungerechtigkeit des Systems könne eine Einzelne nur schwer etwas tun, sind Oesch und Kleinert überzeugt. Schließlich orientierten sich Frauen und Arbeitgeber immer am bestehenden Lohnniveau.

Tatsächlich nimmt die Lohnlücke weiter zu, je höher das Berufsniveau ist - und damit der Anteil der frei verhandelbaren Löhne. Das zeigen auch die Daten des Jobportals Experteer. Beim Berufseinstieg liegen die Frauen sogar noch minimal vorn. Doch schon ab der nächsten Entwicklungsstufe bekommen die männlichen Kollegen mehr Gehalt. Auf Projektmanagement-Level sind es bereits zehn Prozent mehr, beim Topmanagement schließlich knapp 30 Prozent. "Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Forschung, dass tatsächlich ein gar nicht kleiner Teil der Lohnlücke auf die Topverdiener zurückzuführen ist", sagt Kleinert.

Schon die Gehaltserwartungen unterscheiden sich deutlich: Den Experteer-Daten zufolge spekulieren 48 Prozent der Männer mit mehr als fünf Jahren Managementerfahrung auf ein Jahresgehalt von mehr als 100 000 Euro. Bei den weiblichen Führungskräften mit vergleichbarer Qualifikation sind es nur 31 Prozent.