Gleichberechtigung "Der richtige Zeitpunkt für Radikales"

Unternehmen in Island müssen sich daraufhin testen lassen, ob sie Frauen zu wenig bezahlen.

(Foto: imago/Westend61)

Per Gesetz will Island die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau abschaffen - und schickt Kontrolleure in die Büros. Doch so einfach ist das nicht.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Wenn ein Promi wie Bernie Sanders Nettes über Island sagt, freut sich in dem Inselstaat immer jemand darüber. Der US-Politiker hatte kaum die isländischen "Brüder und Schwestern" gelobt, da griff eine Online-Nachrichtenseite in Reykjavík seinen Facebook-Kommentar auf. Bernie Sanders hatte gefordert, Island nachzueifern mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit, unabhängig vom Geschlecht. Er teilte einen Artikel des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera, in dem es heißt, dass es in Island nun illegal sei, Frauen schlechter zu bezahlen als Männer.

Tatsächlich ist in Island mit Jahresbeginn ein Gesetz in Kraft getreten. Allerdings ist es nicht so einfach, wie Bernie Sanders es offenbar versteht. Das Gesetz fordert von Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern, sich daraufhin testen zu lassen, ob sie Frauen beim Lohn diskriminieren. Bezahlen sie gerecht, erhalten sie ein Zertifikat, das isländisch "Jafnlaunavottun" heißt, Lohngleichheits-Zertifikat. Was passiert, wenn Firmen durchfallen? Unklar.

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Gerechter als in Island geht es nirgendwo zu

Beschlossen wurde das Gesetz bereits im Sommer. Dabei ist Island ohnehin spitze: In den vergangenen neun Jahren führte es stets die Rangliste des Weltwirtschaftsforums zur Geschlechtergleichstellung an, in keinem Land war die Verdienstlücke kleiner. Das Problem: Die Lücke ist trotzdem immer noch da, auch in Island.

2015 zeigte eine Studie, dass Männer im Schnitt 5,7 Prozent mehr verdienten. Und das ist nur der Teil der Lücke, der sich nicht erklären lässt dadurch, dass der männliche Kollege womöglich besser qualifiziert ist, mehr arbeitet oder mehr Verantwortung übernimmt, oder einfach mehr Berufserfahrung hat. All das ist schon rausgerechnet. Was übrig bleibt, ist die Lücke, die sich nur so erklären lässt: Arbeitgeber unterscheiden zwischen Mann und Frau.