bedeckt München 18°

Geschlechterdebatte:Arme, starke Jungs

Und wer könnte das besser verstehen als ein echter Mann? Zur Seite stehen dem "kleinen Helden in Not", wie ein Klassiker der Jungenratgeber titelt, hingegen nur die "Mädchenmuttis" und "Grundschullehrer-Tanten". "So bemühe ich mich, meinem Sohn ein Dolmetscher zu sein und ihm die Sprache einer Frau, seiner Mutter, so zu übersetzen, dass er sie verstehen kann".

Den Luxus eines Frau-Deutsch-Übersetzers haben die Knaben im Hause Beuster den meisten ihrer Altersgenossen voraus: Vaterlos (woran die Frauen mit ihrer Scheidungsfreudigkeit "bedeutenden Anteil" tragen) müssen sie die "wichtigen Lektionen für die männliche Identität: Durchhalten, Aushalten, Zusammenhalten" in feindlicher Abgrenzung zu ihrer weiblichen Umwelt erlernen.

Geschlecht, als soziale Kategorie wie die Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit verstanden, funktioniert bisher im ausschließlichen Gegensatzpaar Frau-Mann. Wenn Mädchen strebsam, leistungsstark und aufmerksam sind, kann das nicht gleichzeitig auch für die Buben gelten. Und spätestens die eigenen Geschlechtsgenossen erinnern das Männchen daran, die Trennlinie des geschlechtlich Gebotenen nicht zu überschreiten: "Angst vor Verweichlichung und Homosexualität" prägen laut Beuster immer noch die väterlichen Erziehungsmaßnahmen. Aber auch die Vorbilder aus Fibel und Fernsehen demonstrieren strotzende Virilität. Die Männlichkeitsattribute der Stärke und Unabhängigkeit bergen in ihrer ungefilterten Aufnahme und Reproduktion bedenkliches (Gewalt-)Potential.

Die reaktionäre Rhetorik der unterwanderten Männlichkeit ist erstaunlich: Genau die Mädchen, so wird suggeriert, die bis vor zwanzig Jahren als Sorgenkinder gelten mussten, in ihrer wenig fordernden, wenig durchsetzungsfähigen "Weiblichkeit", werden nun zur unliebsamen Konkurrentin. Ihre so natürliche Fühligkeit (emotionale Intelligenz), Unterordnung (Flexibilität) und Schwatzhaftigkeit (Kommunikativität) werden sprachlich aufgemotzt und als berufsbefähigende soft skills geadelt.

Doch nur einige Jahre weiter sehen die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern anders aus. Frauen verdienen für gleiche Arbeit immer noch durchschnittlich bis zu 30 Prozent weniger und in den Führungspositionen bleiben sie exotische Farbtupfer. In den Chefetagen der Großbetriebe finden sich nicht einmal fünf Prozent Frauen. Ähnlich geht"s auch bei den Akademikern zu: Je höher die Gehaltsstufe, umso weniger Frauen. Unter den Hochschulabsolventen stellen Frauen noch die Hälfte, bei den C4-Professuren sind es nur noch 9,7 Prozent.

Dass das gut und irgendwie natürlich ist, kolportiert auch Jungenergründer und Frauenversteher Beuster: Frauen verlören durch die Doppelbelastung aus Familie und Beruf "einen Teil ihres Mutterseins". Wie wäre es damit, die Frau bei der Hausarbeit zu unterstützen, gar die männlichen Kinder mit heranzuziehen? Auch im Hause Beuster wurde die Gleichberechtigung geprobt. Doch der durch die Aufforderung zur Hausarbeit traumatisierte Junge kann seiner Mutter einfach nicht helfen, da "er spürt, dass er sie in ihren Domänen auch nicht übertrumpfen oder kopieren kann."

Diese Rollenstarrheit findet sich heute, kaum überraschend, auf Seiten der Männer. Der Macho ist nicht mehr gelitten, der Frauenversteher der Lächerlichkeit preisgegeben. Die jetzige Diskussion um die armen Jungs bietet die seltene Chance, die scherenschnittartigen Geschlechterstereotype zu verwerfen.

Die Bestürzung über den neuen Sorgenkindtypus, die männliche Verlierergeneration, die da heranzuwachsen droht, begnügt sich bislang mit der Anprangerung der sozialen Folgen, die wir aus dieser Entwicklung zu tragen haben werden. Sie blendet aber die tatsächlichen und nicht ideologischen Ursachen weitestgehend aus. Das zeigt allein das Bemühen, auch mit dem Urmythos eines unhintergehbaren Rohmaterials namens Geschlecht Meinung zu machen. Das männliche Sehnen richtet sich auf ein Retro-Utopia, dahin zurück, als Männer noch Geschichte machten, "ohne dass Frauen in nennenswerter Weise daran beteiligt wurden", wie Frank Beuster schwelgt.

Den Jungen kann geholfen werden, heißt es, gibt man ihnen nur die gute bipolare Ordnung der Geschlechter zurück. Und produziert damit, ganz nebenbei, das neue alte Sorgenkind: Das Mädchen.