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Arbeitssuche:Bin ich hier richtig?

"Techfest Munich" in Garching, 2016

Firmen auf Mitarbeitersuche sollten Klischees in ihren Stellenbeschreibungen vermeiden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ob eher Männer oder Frauen in einem Job landen, entscheidet sich oft schon mit der Stellenanzeige. Aber wie schafft man es, dass sich auch wirklich beide Geschlechter angesprochen fühlen?

Von Bernd Kramer, Hamburg

Die künftigen Gründer legen am besten schon im Hörsaal los. Denkt eine Münchener Uni und bietet, wie viele andere Hochschulen auch, Seminare an. "Starte durch!", steht auf Plakaten, die man auf dem Campus aufhängte. "Für den Unternehmer von morgen." Vor einigen Jahren allerdings variierten Forschende die Kampagne für eine Studie. Ein Wort tauchte in ihrer Untersuchung nun zusätzlich in dem Slogan auf: Unternehmerin. Würden sich nun andere Menschen auf den 18-Monats-Kurs bewerben?

Wer in welche Positionen gelangt, wer welche Laufbahn einschlägt, ist eine große Frage der Gerechtigkeit. Landen die Kandidaten mit den richtigen Fähigkeiten in den passenden Jobs? Sind Menschen mit Migrationsgeschichte benachteiligt? Die Weichen auf dem Arbeitsmarkt werden dabei schon beim ersten, so vermeintlich unscheinbaren Kontakt gestellt: mit der Stellenanzeige.

"Erste Untersuchungen zeigen, dass Frauen weniger zu einer Bewerbung neigen, wenn in der Anzeige eine rein männliche Berufsbezeichnungen genannt wird", sagt Sabine Sczesny, Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Bern. Genau das wollten sie und drei Kolleginnen auch in der Studie in München prüfen: 156 Studentinnen rekrutierten sie auf dem Campus, einem Teil legten die Forscherinnen die rein männlich formulierte Werbung für den Gründer-Kurs vor, einem anderen die Variante, die sich an den "Unternehmer und die Unternehmerin von morgen" richtete. Das Ergebnis: Die Studentinnen, die die männliche und weibliche Form lasen, hielten sich für geeigneter und waren eher motiviert, sich zu bewerben.

Das Gute ist: Man muss das eine Geschlecht nicht gegen das andere ausspielen

Oft fließen die Botschaften, die ausschließen oder ermuntern, aber sehr viel subtiler als über den Job-Titel in die Ausschreibungstexte hinein. Forschende der Uni Paderborn dachten sich in einem Experiment drei identische Ausschreibungen für Trainee-Stellen aus, variierten dabei aber die Soft Skills, die weichen Qualifikationen, die von den Bewerberinnen und Bewerbern verlangt waren. In der einen Variante führten sie Eigenschaften auf, die eine Gruppe von Probanden zuvor als eher männlich bewertetet hat, Durchsetzungsvermögen etwa.

Die andere Anzeige enthielt Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, die gemeinhin eher mit weiblichen Stereotypen verbunden werden. In einer dritten Anzeige wurde dagegen eher als geschlechtsneutral empfundene Fähigkeiten wie Selbstständigkeit verlangt. Anschließend legten die Forschenden 282 Studierenden jeweils eine der drei Anzeigen vor.

Frauen fühlten sich dabei eher für die Stelle geeignet, wenn mehr als weiblich geltende oder neutrale Eigenschaften verlangt waren. Erstaunlich war aber: Männer fühlten sich in dem Fall nicht abgeschreckt. Auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen zu dieser eigentlich frohen Botschaft: Frauen lassen sich mit ein paar bedachteren Formulierungen motivieren, ohne dass Unternehmen dadurch männliche Bewerber verlieren müssten.

Trotzdem bleibt Sozialpsychologin Sczesny vorsichtig in ihrem Urteil: "Die bisherigen Studien befassen sich mit Positionen, bei denen es nicht ungewöhnlich ist, wenn Männer sich darauf bewerben", sagt sie. "In einem sehr frauendominierten Beruf wie etwa Erzieherin könnten sich dagegen Männer durchaus als nicht passend fühlen, wenn in der Anzeige überwiegend vermeintlich weibliche Attribute gefordert werden." Es bleibt also kompliziert.

Frauen nehmen die Stellenanzeigen wörtlicher als Männer

So ist es wohl auch mit dem viel beschworenen Klischee, Frauen bemühten sich erst um eine Stelle, wenn sie die Kriterien 100-prozentig erfüllen - während Männer im Vollgefühl ihrer selbst mit Bewerbungsschreiben nur so um sich werfen. Eine deutsche Stellenbörse setzte vor einigen Jahren Probanden eine Eye-Tracking-Brille auf und ließ sie Inserate betrachten. Und siehe: Die Frauen starren offenbart wie gebannt auf die Anforderung, ihr Blick haftete im Schnitt 2,34 Sekunden lang auf dem entsprechenden Teil der Anzeige. Die Männer schauten schon nach 1,17 Sekunden weg: Kann ich, mach ich, wohin mit den Unterlagen?

Viele folgern aus solchen Befunden, dass es Frauen vor allem an einem mangelt: Selbstbewusstsein. Aber stimmt das? Die US-amerikanische Autorin Tara Sophia Mohr, die sich mit weiblicher Führung befasst, hatte Zweifel und startete selbst eine Umfrage unter mehr als 1000 Beschäftigten. Dass sie sich eine Tätigkeit nicht zutrauen würden, wenn sie nicht alle Anforderungen einer Anzeige erfüllen, gaben zwölf Prozent der Männer an. Bei den Frauen waren es mit neun Prozent allerdings ebenfalls sehr wenige. Entscheidender war etwas anderes: Sie nahmen die Stellenanzeigen wörtlicher als die Männer. Das Problem sei nicht, schreibt Tara Sophia Mohr in der Harvard Business Review, dass Frauen ihre Fähigkeiten falsch wahrnehmen. Es sind eher falsche Vorstellung davon, wie Bewerbungen ablaufen. Was selbstverständlich genau so Männern passieren kann.

Eine Hilfe wäre es also nicht nur, wenn Firmen auf Mitarbeitersuche Klischees in ihren Stellenbeschreibungen vermeiden würden. Helfen würde es auch, wenn sie weniger bluffen.

© SZ
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