Gemeinsamer Unterricht:Der lange Abschied von der Sonderschule

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In Berlin sollen behinderte Kinder besser gefördert werden und gemeinsam mit Nicht-Behinderten lernen - zumindest theoretisch. In der Praxis fehlt dafür das Geld.

Constanze von Bullion

Das Wort klingt verheißungsvoll, es heißt Inklusion, gemeint ist damit ein Menschenrecht. Kein behindertes Kind soll mehr auf eine Sonderschule gehen müssen, sondern vom ersten Schultag an gemeinsam mit allen anderer Kindern lernen. So will es eine UN-Konvention, die in Deutschland seit 2009 in Kraft ist, so praktizieren es Länder wie Norwegen oder Großbritannien längst. So will es auch das Land Berlin, das nach der Abschaffung der Hauptschule nun beim Abschied von der Sonderschule bundesweit vorangehen will - jedenfalls theoretisch und gern kostenfrei.

Biologieunterricht an einem Gymnasium

Inklusion ist das Stichwort: Behinderte Kinder sollen nicht mehr länger in die Sonderschule abgeschoben werden. Doch das kostet.

(Foto: dpa)

"Wir wollen gemeinsam mit dem Schulsenator dieses wichtige Projekt voranbringen und die Schülerinnen und Schüler mit Behinderung besser fördern", sagte Finanzsenator Ulrich Nussbaum am Mittwoch der Süddeutschen Zeitung. Am gleichen Tag wollte die SPD im Abgeordnetenhaus einen Antrag einbringen, in dem es hieß: "Die verstärkte Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf soll mit dem Schuljahr 2012/2013 schrittweise beginnen." Der Senat sei aufgefordert Menschen mit Behinderungen "maßvoll" und "soweit wie möglich" in Regelschulen zu integrieren.

Die Formulierung waren so vage, dass die SPD erst stritt und dann darauf verzichtete, den Antrag einzubringen. Die Vorstellungen sollen nun "präzisiert" werden, auch hinsichtlich der Kosten. Finanzsenator Nussbaum hat erkennen lassen, dass er für die Eingliederung behinderter Kinder eigentlich kein Geld übrig hat. Berlins Schulden wachsen, weshalb die Finanzverwaltung zwar guten Willen zeigt, im Übrigen aber auf die Bildungsverwaltung verweist. Die müsse erstmal darlegen, was die Sache koste und ein Konzept entwickeln, das sicherstelle, dass Kinder, die aus Sonderschulen kommen, in Regelschulen auch gut betreut werden können.

Die Sache zieht sich also, viel Ehrgeiz bei der Umsetzung der UN-Konvention zeigt die Verwaltung bisher nicht. Dabei gehört Berlin mit Bremen zu den Bundesländern, die sich rühmen, bei der Inklusion behinderter und nicht-behinderter Kinder weiter zu sein als andere. Von 300.000 Berliner Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen 42 Prozent eine Regelschule. Im Bundesdurchschnitt sind es nur 19 Prozent.

Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass die Inklusion keineswegs überall gleich erwünscht ist. Im West-Bezirk Tempelhof-Schöneberg besuchen 62 Prozent der behinderten Kinder eine Schule mit Nicht-Behinderten, in Lichtenberg sind es nur 19 Prozent. In Marzahn-Hellersdorf wird Kindern doppelt so oft sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wie im Berliner Durchschnitt. Viele Eltern und Pädagogen bestehen dort auf Sonderschulen, weil sie mehr Personal für kleinere Klassen haben - und weil die Lehrer nicht differenzieren müssen zwischen vielfältigen Leistungsgruppen.

Der Preis für die Segregation ist hoch. 80 Prozent der Sonderschüler gehen ohne Abschluss von der Schule. "Ich wünsche mir, dass sehr viel mehr Pädagogen da anpacken, statt nur verhindern zu wollen", sagt die Chefin der Berliner Lehrergewerkschaft, Rosemarie Seggelke, die von "Wahnsinnsdiskussionen" unter Pädagogen berichtet, wenn es um Inklusion geht. Die Zahl sozial und psychisch auffälliger Kinder wächst, schon jetzt bräuchten Brennpunktschulen 30 Prozent mehr Personal. Nun sollen noch behinderte Kinder dazukommen, aber wie? "Es geht, wenn man will", sagt Seggelke, "aber kostenneutral und ohne Weiterbildung der Lehrer geht es bestimmt nicht."

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