Weiterbildung:Berufsentscheidung kommt für viele zu früh

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Andrea Stratmann ist Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Die Regelungen zur beruflichen Bildung hält sie für überholt: "Sie stammen aus einer Zeit, in der die Welt noch fein sortiert war nach Fähigen und angeblich Unfähigen." Es sei nicht einzusehen, dass Menschen mit Handicap nur auf zwei statt auf drei Jahre Berufsbildung Anspruch hätten. "Dazu kommt, dass viele dieser Menschen entwicklungsverzögert sind und erst spät wissen, was sie eigentlich machen wollen. Dann ist das Thema Berufsbildung aber längst abgevespert!"

Helmuth Pflantzer, Anna Neff und ihre Kollegen können an ihrer Qualifizierung nur deshalb teilnehmen, weil die Fachschule für Sozialwesen zum "Außenarbeitsplatz" ihrer Behindertenwerkstätten deklariert wurde. Sie erhalten den geringen Werkstattlohn weiter, ohne dafür eine Arbeitsleistung erbringen zu müssen. Doch müssen die Werkstätten einen Teil ihrer Kosten auf dem freien Markt erwirtschaften.

Anspruchsvolle berufliche Weiterbildung sei deshalb schwer zu finanzieren, meint Andrea Stratmann. Sie plädiert für ein individuelles Bildungsbudget für behinderte Menschen, analog zum "Budget für Arbeit", das im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes eingeführt wurde. Seit Anfang dieses Jahres steht es zur Verfügung, um Werkstattbeschäftigten den Übergang in sozialversicherungspflichtige Jobs zu erleichtern. Aus dem Budget für Arbeit werden Zuschüsse an den Arbeitgeber und die persönliche Betreuung am Arbeitsplatz finanziert, nicht jedoch Bildungsausgaben.

Rechte und Pflichten haben - wie jeder andere auch

"Der Bedarf an beruflicher Bildung in den Werkstätten ist riesengroß", sagt Heinrich Greving, Professor für Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. "Einige Träger von Werkstätten haben genügend gut ausgebildetes Personal und engagieren sich sehr. Aber in der Breite muss sich vieles ändern - das Bewusstsein bei den Trägern, die Didaktik, die Ressourcen." In vielen Werkstätten müssten die Betreuer ein besseres Verständnis für die Bedeutung beruflicher Bildung entwickeln. "In jeder Stadt, bei jedem Träger läuft es anders", bilanziert Greving.

Das betrifft auch die Frage, ob und welche Abschlüsse vergeben werden können: Einige, aber längst nicht alle Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern arbeiten mit Behindertenwerkstätten zusammen und zertifizieren Teilqualifikationen. Damit können Beschäftigte belegen, dass sie bestimmte Inhalte eines Ausbildungsberufs beherrschen, etwa in den Bereichen Gartenbau, Pflege oder Gastronomie. Das kann die Jobsuche außerhalb der Werkstatt erleichtern.

Die Qualifizierung geistig Behinderter zu Bildungsfachkräften wird in weiteren deutschen Städten angeboten: Noch in diesem Jahr starten die ersten Jahrgänge in Köln, Leipzig, Dresden und Stendal. Im Seminar für Lehramtsstudenten an der PH Heidelberg fassen die behinderten Dozenten am Ende noch einmal zusammen, was Bildung und Arbeit für sie bedeuten: "Dass man Rechte und Pflichten hat wie jeder andere auch."

Inklusions-Initiative

Circa 310 000 Menschen arbeiten bundesweit in Werkstätten für behinderte Menschen. Etwa drei Viertel von ihnen haben geistige, 20 Prozent psychische, die übrigen Sinnesbeeinträchtigungen. Um aufgenommen zu werden, müssen behinderte Menschen laut der Werkstättenverordnung von 1980 in der Lage sein, ein "Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung" zu erbringen. Werkstättenbeschäftigte haben nur einen "arbeitnehmerähnlichen" Rechtsstatus. Sie erhalten sehr viel weniger als den Mindestlohn, sind aber unkündbar. Viele Werkstätten erledigen Montage- und Verpackungsarbeiten im Auftrag von Industriekunden. Auch Gartenarbeiten und Küchen- oder Wäscherei-Services sind typische Arbeitsfelder. Die UN-Behindertenrechtskonvention sieht ein Recht auf Arbeit "in einem offenen, einbeziehenden und zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld" vor. Abgesonderte Arbeitsstätten für behinderte Menschen werden von vielen Experten und Verbänden als Inklusionshindernis kritisiert. Obwohl die Werkstätten den Auftrag haben, ihre Beschäftigten auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten, gelingt der Wechsel nur jedem Hundertsten. Da mehr Menschen als früher nach einem schweren Unfall oder wegen einer psychischen Erkrankung in Behindertenwerkstätten arbeiten, sind diese in den vergangenen Jahren sogar gewachsen, anstatt zu schrumpfen. Seit 2013 bemüht sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), das Bildungsangebot der Werkstätten flächendeckend zu verbessern. Jedem Beschäftigten soll individualisierte berufliche Bildung ermöglicht werden, die Inhalte sollen sich an anerkannten Ausbildungsberufen ausrichten. Ob und inwiefern diese Vorgaben die Praxis verbessert haben, ist unklar und wird derzeit in einer Vergleichsstudie der Universität Würzburg evaluiert. MIRH

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