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Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen:"Lohndiskriminierung lässt sich statistisch nicht nachweisen"

Frauen in Unternehmensberatungen

Ihr Lohn, sein Lohn: Diskriminierung beginnt vor der Gehaltsverhandlung.

(Foto: dpa)

Wenn es ums Gehalt geht, verdienen Frauen und Männer oft nicht das Gleiche. Kein Problem, findet ein Ökonom. Schlimmer sei, dass die Diskriminierung lange vor der Gehaltsverhandlung beginne.

Von Karin Janker

Gleichstellungskampagnen berufen sich auf eine große Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Ein Ökonom kritisiert nun, dass die Statistik Äpfel mit Birnen vergleiche - und das eigentliche Problem verschleiere: Diskriminierung beginnt lange vor der Gehaltsverhandlung.

Wie kann man also Diskriminierung messen? Die Aktion "Equal Pay Day" versucht, die Benachteiligung in Zahlen auszudrücken: Bis zum 21. März mussten Frauen in diesem Jahr demnach zusätzlich arbeiten, um genauso viel zu verdienen wie Männer im Jahr 2013. Macht 80 Tage mehr. Frauenverbände, Politiker und Medien begehen seit 2008 den Aktionstag für Entgeltgleichheit, der vom Netzwerk Business and Professional Women ausgerufen wird. Das Datum sei ein "kleiner Knaller", sagt Netzwerk-Präsidentin Henrike von Platen. Öffentlichkeitswirksam ist es allemal.

Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Bauer vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält die Interpretation der Statistik dahinter aber schlicht für falsch und erklärt das in dem jüngst erschienenen Buch "Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet". Seine Kritik: Die unbereinigte Lohndifferenz von momentan 22 Prozent, auf die sich die Kampagne des "Equal Pay Day" bezieht, vergleicht den durchschnittlichen Stundenlohn von Frauen mit dem durchschnittlichen Stundenlohn von Männern - laut Thomas Bauer also Äpfel mit Birnen. Beide verrichten eben nicht die gleiche, sondern unterschiedliche Arbeit. Männer und Frauen sind oft in unterschiedlichen Branchen, Beschäftigungsverhältnissen oder Positionen tätig und erhalten deshalb ganz unterschiedliche Gehälter.

Der Gehaltsunterschied schrumpft auf sieben Prozent

Das bereinigte Lohndifferenzial, das das Statistische Bundesamt regelmäßig erstellt, berücksichtigt dies: Es vergleicht Frauen und Männer, die in derselben Branche, in ähnlichen Arbeitsverhältnissen oder auf gleicher Hierarchiestufe arbeiten. In dieser bereinigten Berechnung schrumpft der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern auf aktuell sieben Prozent. Der "Equal Pay Day" fiele damit auf den 26. Januar.

Betrachtet man in der jüngsten Erhebung der Verdienststruktur nur die Berufsgruppen, verdient ein Arzt im Monat durchschnittlich 1466 Euro mehr als eine Ärztin. Wobei hier nicht zwischen niedergelassenen und angestellten Medizinern, zwischen Allgemeinärzten und Chirurgen oder zwischen Assistenz- und Chefärzten unterschieden wird.

Beim bereinigten Lohndifferenzial vergleicht man Chefarzt mit Chefärztin und Krankenschwester mit Krankenpfleger. Das unbereinigte Lohndifferenzial bildet den Durchschnittslohn aller erwerbstätigen Frauen und vergleicht ihn mit dem Durchschnittslohn aller erwerbstätigen Männer. Wenn es aber weniger Chefärztinnen als Chefärzte gibt, sinkt der Durchschnittslohn von Frauen im Vergleich zu dem der Männer. Hier liege das Dilemma, so Bauer.

Es sind nämlich noch immer mehr Frauen als Männer in Berufen tätig, die im Vergleich schlechter bezahlt sind. In Kindergärten zum Beispiel statt in der Metallverarbeitung. Durch Erziehungszeiten steigen Frauen außerdem langsamer in höhere Gehaltsklassen oder Spitzenpositionen auf. Und auch auf Teilzeitstellen arbeiten überwiegend Frauen.

Das Problem sei weniger, dass Frauen und Männer für den gleichen Job ungleich bezahlt werden, sondern eher, dass Frauen im Zweifel die Stelle erst gar nicht bekommen, sagt Ökonom Bauer. Aus verschiedenen Gründen, die von ungleichen Bildungschancen bis zur unzureichenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einem noch immer sehr traditionell geprägten Rollenbild reichen.

Der Fokus auf den Lohn verschleiere das eigentliche Problem

Während Bauer den Lohnunterschied vor allem durch diese Faktoren begründet sieht, kennt "Equal Pay Day"-Aktivistin Platen auch Beispiele aus dem öffentlichen Dienst, wo Männern ein Gehaltsplus durch gewisse Tricks zugeschustert werde: "Dann bekommt ein Polizist eben eine Zusatzaufgabe - zumindest auf dem Papier, die eine Gehaltserhöhung rechtfertigt, welche die Frau nicht bekommt."

Platen ist die Angreifbarkeit der Statistik bewusst, auf die sich der "Equal Pay Day" stützt. "Die unbereinigte Lohndifferenz ist trotzdem nicht unsinnig: Sie führt dazu, dass man über die Ursachen für die Unterschiede spricht", sagt sie. Ein Grund für die Lohndifferenz sei zum Beispiel, dass mehr Frauen in Minijobs beschäftigt sind als Männer, und der Stundenlohn für Teilzeitstellen geringer ist als bei Vollzeitjobs. "Wenn ein Mann an der Supermarktkasse Vollzeit arbeitet und eine Frau an der gleichen Kasse als Minijobberin sitzt, verstehe ich nicht, warum der Mann pro Stunde mehr verdient als die Frau", so Platen.

Bauer treibt seine Kritik aber noch weiter: "Lohndiskriminierung lässt sich statistisch nicht nachweisen, weil dafür die Daten fehlen." Er hält auch die bereinigte Lohndifferenz des Statistischen Bundesamtes für falsch. Um Lohndiskriminierung tatsächlich messen zu können, müssten zwei Personen auf derselben Uni studiert, den gleichen Abschluss erworben, die gleichen Auslandserfahrungen gesammelt haben und schließlich im selben Unternehmen auf einer vergleichbaren Position mit gleichen Aufgaben arbeiten. "Wenn dann die Frau weniger verdient als der Mann, liegt tatsächlich Lohndiskriminierung vor", so Bauer. Je mehr Eigenschaften man einbeziehe, desto geringer werde allerdings der statistische Lohnunterschied in Deutschland.

Zahlenspielen sagen über die Benachteiligung wenig aus

Der Fokus auf den Lohn verschleiert laut Bauer sogar das eigentliche Problem. "Die Statistik zur Lohnlücke erfasst beispielsweise Personen, die trotz Ausbildung oder Studium zu Hause bleiben und Kinder erziehen, überhaupt nicht. Würde man dieses Potenzial ebenfalls einbeziehen, wäre die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen wahrscheinlich noch größer als 22 Prozent", vermutet er.

Zur Einkommensdifferenz finden sich viele unterschiedliche Zahlen: Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gibt die bereinigte Lohnlücke mit zwei Prozent an. Dem gegenüber steht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die eine Differenz von 49 Prozent beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen feststellt.

Der Unterschied ist auf die Datengrundlage zurückzuführen: Während sich das IW auf das sogenannte Sozioökonomische Panel bezieht und sehr viele Eigenschaften der Vergleichspersonen kennt, nimmt das DIW die Lohn- und Einkommensteuerstatistik aus dem Jahr 2007 als Grundlage und damit die Einkommen von 26,8 Millionen Frauen und 27,5 Millionen Männern. Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bewegen sich mit sieben Prozent beim bereinigten und 22 Prozent beim unbereinigten Lohndifferenzial zwischen diesen beiden Extremwerten. Ob Frauen beim Gehalt diskriminiert werden oder nicht, hängt also von Zahlenspielen ab, die über die Benachteiligung wenig aussagen.

Das gibt auch Netzwerk-Präsidentin Platen zu. Einig ist sie sich mit Ökonom Bauer, dass die Lohndifferenz vor allem die Folge von Diskriminierung ist. Bauer zufolge setzt diese schon viel früher ein als beim Gehalt: "Frauen oder Migranten bekommen manche Jobs erst gar nicht, oder sie erhalten nicht die gleichen Bildungschancen." Der Satz, ein Mädchen brauche nicht aufs Gymnasium zu gehen, weil es später ohnehin auf die Kinder aufpasst, falle zwar heute nicht mehr so häufig. Aber er sei in vielen Köpfen immer noch wirksam.

© SZ vom 02.09.2014/kjan
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