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Gehalt:Wer verdient am meisten?

Regional fallen die wirtschaftlichen Erträge höherer Bildung durchaus unterschiedlich aus. Die größten Erträge in den Lebenseinkommen finden sich im Süden Deutschlands, die geringsten im Osten und in einigen Gebieten im Norden. Generell fallen die Bildungserträge für Männer höher aus als für Frauen. Beispielsweise beträgt das Plus an Lebenseinkommen für ein Universitätsstudium für deutsche Männer im Durchschnitt etwa 487 000 Euro, für deutsche Frauen hingegen 280 000 Euro. Wichtige Gründe für die niedrigeren Werte bei Frauen dürften in der häufigeren Teilzeitbeschäftigung und dem tendenziell geringeren Lohnniveau liegen.

Die größten Unterschiede beim Lebenseinkommen ergeben sich allerdings nicht in Hinsicht auf Region oder Geschlecht, sondern bezüglich der Fachrichtung des Abschlusses. Bei der Lehre werden die höchsten Erträge mit einer Ausbildung im Bereich Finanzen, Banken und Versicherungen erzielt. Mit diesem Abschluss verdienen Frauen 263 000 Euro und Männer 486 000 Euro mehr als ohne Ausbildungsabschluss. Hohe Erträge erzielt man auch mit der Fachrichtung Verwaltung, Rechnungs- und Steuerwesen. Die niedrigsten Erträge ergeben sich in den Fachrichtungen Friseurgewerbe und Schönheitspflege (Frauen 7 000 Euro, Männer 43 000 Euro), Textil und Bekleidung sowie Landwirtschaft, Ernährung und Gastgewerbe.

Beim Hochschulstudium ergeben sich die höchsten Erträge im Lebenseinkommen in der Fachrichtung Human- und Zahnmedizin. Ein solcher Abschluss bringt Frauen 613 000 Euro und Männern 983 000 Euro mehr im Vergleich zu Personen mit abgeschlossener Lehre. Hohe Erträge ergeben sich darüber hinaus mit Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und in der Fächergruppe Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT-Fächer). Am niedrigsten fallen die Erträge in den Fachrichtungen Sozialarbeit (Frauen 79 000 Euro, Männer 20 000 Euro) und Kunstwissenschaften aus.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die Investition in einen höheren Bildungsabschluss wirtschaftlich lohnt. Höhere Bildungsabschlüsse gehen systematisch mit höheren Monatseinkommen einher, mit einem geringeren Risiko arbeitslos zu werden sowie insgesamt mit sechsstelligen Zuwächsen beim Lebenseinkommen. Dabei ist bemerkenswert, dass sich unter den betrachteten Abschlüssen und Bevölkerungsgruppen kein einziger Fall ergeben hat, in dem ein höherer Bildungsabschluss insgesamt mit einem niedrigeren Lebenseinkommen einhergeht.

Gleichwohl zeigen die Befunde auch, dass es Fachrichtungen gibt, in denen sich ein Studium wirtschaftlich gesehen im Durchschnitt kaum lohnt. So kann im Einzelfall die Entscheidung für eine Meisterausbildung durchaus ertragreicher sein als ein Hochschulstudium. Wenn sich Studierende aber für eine Fachrichtung entscheiden, in der es am deutschen Arbeitsmarkt große Nachfrage gibt, dann ist derzeit nicht zu erkennen, dass sich eine solche Akademisierung wirtschaftlich nicht auszahlen würde. Die Berechnungen geben keinen Hinweis darauf, dass es am deutschen Arbeitsmarkt zu viele gibt, die studiert haben, wohl aber möglicherweise das Falsche. In den MINT-Fächern etwa scheint die Nachfrage der Wirtschaft nach Absolventen ungebrochen zu sein. Zusätzliche Akademiker wären hier ein Segen.

Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht erweist sich ein besseres Bildungsniveau der Bevölkerung als der wohl wichtigste Bestimmungsfaktor des langfristigen Wachstums und damit des gesellschaftlichen Wohlstands. Vorstellungen, eine gute Bildung sei nichts mehr wert, wenn jeder sie hätte, sind völlig irrig. Sie basieren auf der falschen Vorstellung eines in seiner Größe feststehenden wirtschaftlichen Kuchens, den es zu verteilen gelte. Ganz im Gegenteil profitiert die gesamte Volkswirtschaft von der besseren Bildung: Der Kuchen wächst, wenn alle ein höheres Bildungsniveau erreichen.

Drei Thesen

Größter Effekt: Beim Hochschulstudium ergeben sich die höchsten Gewinne

Mehr Nachfrage: Höhere Bildung verringert das Risiko der Arbeitslosigkeit

Fehleinschätzung: Die Behauptung, es gebe auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu viele Menschen, die studiert haben, ist falsch

Natürlich könnte sich der Trend zum großen Bedarf an höherer Bildung eines Tages auch umdrehen. In den Vereinigten Staaten hat der bekannte Arbeitsmarktökonom Richard Freeman bereits Mitte der 1970er Jahre vom angeblich "Overeducated American" gesprochen. Seitdem hat sich dort die Hochschulquote in der erwachsenen Bevölkerung allerdings verdreifacht, von zehn Prozent auf 30 Prozent mit Collegeabschluss. Gleichzeitig hat sich dort der Einkommensvorteil der Hochschulabsolventen gegenüber denjenigen ohne Hochschulabschluss von 40 Prozent auf über 80 Prozent mehr als verdoppelt! Trotz steigenden Angebots an Hochschulabsolventen ist ihr relatives Einkommen nur noch weiter gestiegen. Die Nachfrage nach Hochschulabsolventen ist also noch viel schneller gestiegen als das Angebot.

Ähnliches legen auch Befunde zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland nahe. Das Angebot an Personen mit höheren Bildungsabschlüssen hat sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit der Mitte der 1970er Jahre von sechs Prozent auf 18 Prozent verdreifacht. Gleichzeitig ist in Deutschland der Anteil derjenigen ohne beruflichen Abschluss von knapp 40 Prozent auf 16 Prozent gesunken. Trotz dieses Rückgangs ist die Arbeitslosigkeit in dieser Bevölkerungsgruppe von vier Prozent auf fast 20 Prozent gestiegen, wohingegen sie bei Personen mit höheren Bildungsniveaus kaum höher liegt als damals. Auch am deutschen Arbeitsmarkt scheint die Nachfrage nach gut ausgebildeten Personen in den letzten Jahrzehnten also deutlich stärker gestiegen zu sein als das Angebot.

Die technologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, vor allem der Vormarsch neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, haben in den entwickelten Ländern zusammen mit der Globalisierung offensichtlich die Nachfrage nach Hochqualifizierten begünstigt. Ob und inwieweit dies auch in Zukunft anhält, kann natürlich niemand sagen. Für die nächste Zeit dürfte sich die Nachfrage aufgrund der zunehmenden Digitalisierung aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche aber weiterhin eher in Richtung anspruchsvoller Tätigkeiten verschieben. Vieles deutet darauf hin, dass dadurch vor allem Routine-Tätigkeiten gefährdet sind. Demgegenüber dürften Tätigkeiten mit komplexer Wahrnehmung und Manipulation sowie Tätigkeiten, die sozialer oder kreativer Kompetenz bedürfen, weiterhin eher profitieren. Gerade weil sich die Welt verändert, bedarf die Wirtschaft also einer hochqualifizierten Bevölkerung, die sich kompetent auf ständige Veränderungen einstellen kann.

Ludger Wößmann leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut und ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

© SZ vom 13.05.2017/mkoh
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