Gegen Mobbing in der Schule "Die machen sich fertig im Netz"

Falsche Klamotten oder zu gute Noten: Schüler werden oft aus den unbedeutendsten Anlässen heraus gemobbt. Berliner Wissenschaftler haben nun das Präventionsprogramm "Fairplay" entwickelt. Damit lernen Schüler der Klassen 7 bis 9, sich sozialer zu verhalten - und andere im Ernstfall zu schützen.

Manchmal reiche es schon, ärmer zu sein als die anderen, sagt die dreizehnjährige Paula Hinz. "Nicht der gleiche Stil. Oder zu gut in der Schule", ergänzt ihre Mitschülerin Onia Ellinghaus, ebenfalls 13 Jahre alt. Schon Kleinigkeiten können zu Mobbing führen - mit allen für die betroffenen Schüler dramatischen Begleiterscheinungen: Lästern, Prügeln, Einträge auf Facebook.

Gedisst im sozialen Netzwerk: Mobbing unter Schülern findet heute auch vielfach im Internet statt.

(Foto: ddp)

"Die machen sich fertig im Netz - oder nehmen sich Sachen weg", sagt ihre Lehrerin Ute Nettelmann-Fahlenbach. Doch in Paulas und Onias 8. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin ist jetzt Schluss damit. Seit drei Monaten gibt es hier Antimobbing-Unterricht. Lehrer und Schüler spüren jetzt schon, dass es anders läuft.

"Mir geht es heute gelb", sagen Teenager, wenn sie sich schlecht fühlen. Wie beim Fußball signalisiert eine Gelbe Karte: Achtung, Regelverstoß! Das Präventionsprogramm, das dahintersteckt, haben Wissenschaftler der Freien Universität Berlin (FU) mehrere Jahre lang mit Partnern entwickelt. Sie haben die Rollenspiele und Übungen, die soziales Lernen fördern, an Bremer und Berliner Schulen getestet.

Unter dem Namen fairplayer.manual bieten die Wissenschaftler das Rüstzeug interessierten Schulen nun bundesweit für die Klassen 7 bis 9 an. "Fairplayer" läuft bis zu einem halben Jahr im regulären Unterricht. In der Länge und Intensität unterscheidet es sich von anderen Antimobbing-Programmen.

FU-Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer beobachtet seit Jahren, dass Mobbing an Schulen zu einem ernsten Problem geworden ist. In deutschen Studien geben fast zwölf Prozent der Schüler an, einmal im Monat damit zu tun zu haben - als Täter oder als Opfer.

Wider die Ellenbogengesellschaft

Für Scheithauer ist Mobbing eine Form von Jugendgewalt - mit einem deutlichen Machtungleichgewicht und über einen längeren Zeitraum hinweg. Kennzeichnend sei, dass das Opfer sich nicht wehren könne, weil es physisch, psychisch oder auch verbal unterlegen sei. "Mobbing kann sehr unterschiedlich transportiert werden, mit Worten, durch körperliche Attacken, aber auch auf der Beziehungsebene. Da lade ich jemanden einfach nicht mehr ein oder meide ihn", sagt Scheithauer. Neue Medien wie Handy und Internet hätten die Spielarten noch vergrößert.

Hier können Schulen mit "Fairplayer" eingreifen - mit Erfolg, wie Untersuchungen zeigen. Im Ergebnis hielten deutlich weniger Schüler Gewalt für eine Lösung, sagt Entwicklungspsychologe Scheithauer, prosoziales Verhalten wie Helfen und Teilen habe zugenommen. Viele Schüler schritten bei Mobbing ein.

Auch Paula und Onia wissen jetzt, wie das geht. "Ich stelle mich neben jemanden und sage: Du bist nicht allein", erläutert Onia. Sie glaubt, dass Mädchen genauso oft mobben wie Jungen. "Die machen das nur versteckter. Sie prügeln sich nicht", ergänzt sie. Auch die Eltern hat die Initiative an der Schule begeistert. "Da wird eine Basis gelegt, mit der man diese Ellenbogengesellschaft aufbrechen kann", lobt Vater Tobias Solcher.

Interessierte Schulen können ihre Lehrer nun von Psychologen der Freien Universität Berlin mehrere Tage lang schulen lassen. Peter Stock, Direktor des Mendelssohn-Gymnasiums, kann das Programm nur empfehlen. "Unsere Schüler haben mehr soziale Kompetenz gelernt", bilanziert er. "Was wir dafür gegeben haben, war viel Zeit."