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Gastgewerbe:"Eine Branche für Weltenbummler"

Annette Zellmer

(Foto: privat)

Die weltweite Konkurrenz um Fachkräfte in der Hotellerie ist groß. Deutsche Häuser tun sich schwer, Personal aus dem Ausland anzuwerben. Das liegt nicht nur an der Privatstruktur der Branche, sondern auch an der Sprache.

Der Fachkräftemangel ist in der Hotellerie allgegenwärtig. Da es an Nachwuchs in Deutschland fehlt, versuchen die Betriebe, auch Personal aus dem Ausland für sich zu gewinnen. Annette Zellmer, Beraterin bei der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur in Frankfurt am Main, hilft Unternehmen bei der Suche jenseits der Landesgrenzen.

SZ: Eine Studie der Jobbörse Yourcareergroup ergab, dass 85 Prozent der europäischen Beschäftigten im Tourismusgewerbe bereit sind, im Ausland zu arbeiten. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Annette Zellmer: Ja. Schon vor 30 oder 40 Jahren gab es da eine große Beweglichkeit gab. Das Hotelgewerbe ist schon immer eine Branche für Weltenbummler gewesen. Auslandserfahrung gehört dazu.

Warum tun sich die Betriebe dennoch schwer damit, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben?

Wir haben in der Branche eine große Privatstruktur, oftmals sind es kleine Familienbetriebe. Die sind natürlich nicht so weit vernetzt und haben nicht die Möglichkeiten wie ein großer internationaler Konzern. Zusätzlich gibt es einen enormen Wettbewerb: Die Leute werden überall in der EU gebraucht. Hinzu kommt, dass Deutsch eine sehr schwere Sprache ist. Englischaffinere Länder - Skandinavien und die Benelux-Staaten - haben es da leichter.

Was können kleine Betriebe mit begrenzten Ressourcen tun, um dennoch ausländische Fachkräfte zu gewinnen?

Sie können uns einschalten. Wir sind für die Betriebe bei Jobmessen präsent, wir veröffentlichen die Stellenangebote auf den Jobbörsen anderer Länder - diese Dienstleistungen stellen wir kostenlos zur Verfügung. Das wird auch gut angenommen, aber wir sind leider massiv eingeschränkt durch die geringe Bewerberzahl.

In welchen Ländern hat Deutschland als Arbeitgeber überhaupt Chancen?

Das ist schwer zu sagen. Aktuell konnten wir viele Italiener für uns gewinnen, aber auch Fachkräfte aus der Slowakei und aus Polen. Das heißt nicht, dass es in anderen Ländern kein Potenzial gibt. Weniger attraktiv sind unsere Stellen in Ländern, die sehr hoch bezahlen, wie Norwegen und Dänemark. Damit können wir nicht konkurrieren.

Wo liegt die Herausforderung, wenn man ausländische Arbeitnehmer beschäftigt?

Man muss natürlich immer unterschiedliche Kulturen verbinden. Da sollte der Arbeitgeber erst einmal offen sein und Geduld haben. Dann sollte man sich um die Unterbringung kümmern und darum, was der Mitarbeiter in seiner Freizeit macht: Hat er soziale Kontakte oder leidet er an Heimweh? Kann ich ihm ermöglichen, ein paar Tage am Stück in die Heimat zu fahren? Arbeitgeber finanzieren teilweise auch Sprachkurse - während der Arbeitszeit und auf Kosten des Hauses. Man muss sich einfach mehr um die Leute kümmern - plus vernünftig bezahlen.

Was kann die Politik tun, um das Hotelgewerbe zu unterstützen?

Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz wäre schon ein enormer Fortschritt. Damit wären wir bei der Rekrutierung nicht mehr nur auf die EU-Länder beschränkt. Auch die Anerkennung von Berufsabschlüssen muss die Politik branchenspezifischer betrachten. Qualitätsarbeit ist zwar in allen Branchen wichtig. Es ist nicht schön, wenn ich als Servicekraft den Kaffee falsch serviere. Doch wenn ich als Elektriker zwei Kabel falsch verbinde, ist das gefährlich. Das ist nicht abwertend gemeint, aber in manchen Berufen ist eine Anerkennung wichtiger als in den Berufen der Hotel- und Gaststättenbranche.

Sind Arbeitnehmer aus dem Ausland die Lösung für unseren Fachkräftemangel?

Es ist nur ein kleiner Baustein und nicht das Allheilmittel. Die Konkurrenz um Fachkräfte ist weltweit riesig und viele Menschen wollen mittelfristig in ihrem Land leben. Insofern müssen wir in erster Linie das Potenzial in Deutschland richtig ausschöpfen.