G8-Reform 265 Stunden Nutzlast

Als die Kultusminister bekräftigten, dass das Gymnasium in nur acht Jahren zum Abitur führen soll, benahmen sie sich wie Virtuosen im Hin- und Herschieben von Bildungseinheiten. Doch die Qualität des Abiturs ist kein unmittelbarer Effekt der Jahreswochenstunden.

Von Lothar Müller

Wenn junge Menschen, das Abiturzeugnis in der Tasche, von ihren Schulen verabschiedet werden, geben die Lehrer ihnen gerne eine so stolze wie traurige Botschaft mit auf den weiteren Lebensweg: Nie wieder, sagen sie, werden sie so vieles über so viele verschiedene Dinge wissen wie an dem Tag, an dem sie das Gymnasium verlassen. Dieser Satz leuchtet ein. Denn einem Studenten der Pharmazie wird die Erinnerung an die klassische französische Literatur ebenso gleichgültig sein wie dem jungen Historiker die Formel der Aminosäure aus dem Chemieunterricht.

Gymnasiasten in der Prüfung: Aufstand der Eltern und Schüler.

(Foto: Foto: dpa)

Doch ist der Stolz, mit dem das Beherrschen der Stoffe als höchster Zweck der Schule gefeiert wird, ziemlich fragwürdig. Er unterstellt das zwanglose Beisammensein der Lernstoffe und schweigt sich über die Techniken und Strategien aus, die Schüler zu ihrem Erwerb benötigen. An diesem Punkt aber, an dem das Wie und das Was des Lernens zusammentreffen, entscheidet sich, wie viel ein Abitur wert ist.

Die magische Zahl garantiert nichts

Als die Kultusminister in der vergangenen Woche ihren Beschluss bekräftigten, dass die Gymnasialausbildung in nur acht statt in neun Jahren zum Abitur führen soll, benahmen sie sich wie Virtuosen im Hin- und Herschieben von Bildungseinheiten. Einem Tarifabschluss gleich, bei dem keine Zahl hinter dem Komma wanken darf, verteidigten sie die 265 Jahreswochenstunden, die in den Stundentafeln der Schulen auch nach der Verkürzung auf "G 8" erhalten bleiben sollen. Aber diese magische Zahl garantiert gar nichts, wenn sie nicht an die Lerninhalte und die Organisationsformen des Lernens gebunden ist.

Gerade hier bleibt die Kultusministerkonferenz seit Einführung der Reform im Vagen. Sie scheut die unbeliebte Einführung des Samstags als Schultag, mag aber über die Einführung der Ganztagsschule auch nicht gern reden. Erst durch den Stress der Schüler und Lehrer, die bei der verordneten Umstellung merkten, dass sich im Schulalltag Zeitpäckchen nicht so locker hin- und herschieben, aufstocken und aufschnüren lassen, haben sie gemerkt, dass sie über die Verteilung von Lernstoffen nicht so souverän verfügen können, wie sie glauben. Darum haben sie jetzt den Aufstand der Eltern und Schüler.

Mehr als ein Körnchen Wahrheit

Es ist ein Aufstand gegen die Verbindung von Panik und Bürokratie in der Bildungspolitik. Spätestens seit den neunziger Jahren und verschärft seit den Pisa-Studien, ist "Bildung" zu einem politischen Fetisch geworden. Wer diesen Fetisch beschwört, dem dürfen alle Mittel recht sein. Die Stellung der Bundesrepublik in der globalen Konkurrenz, der soziale Frieden, ja das Glück der Nation - all das erscheint vor allem als Effekt geglückter oder missglückter Bildung. Darin steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit, aber diese Wahrheit leidet unter dem Fanatismus, mit dem sie derzeit auftritt.

Vielen Bildungsexperten und vielen Eltern gilt die Lebenszeit ihrer Kinder überhaupt nur noch als Zeit, die es möglichst effektiv durch geplante Lernprozesse zu bewirtschaften gilt. Kaum ist die Nabelschnur durchtrennt, beginnen Eltern schon mit einem als Zuwendung getarnten Lernprogramm. Die Verdichtung aller Zeit zur Qualifikationszeit ist zum Phantasma geworden, ohne dass die Diskussion darüber, welche Fähigkeiten auf welchen Wegen erworben werden sollen, damit Schritt gehalten hätte. Sie schließt, gerade beim Thema Stundenplan und Zahl der Jahreswochenstunden, ein Nachdenken darüber ein, wie sich schulisches und außerschulisches Lernen zueinander verhalten.

Fremdsprachenkenntnisse unbefriedigend

Die Qualität des Abiturs ist kein unmittelbarer Effekt der Jahreswochenstunden, auch kein Ergebnis der Zahl der Schuljahre. 13 Jahre Unterricht bedeuten nicht automatisch, dass am Ende ein qualitativ hochwertiges Abitur steht. Umgekehrt ist es auch nicht unmöglich, ein gehaltvolles Abitur in zwölf Jahren zu erreichen. Viele Nachbarländer - und einige Bundesländer - kommen mit zwölf Stunden aus, so wie es demnächst überall in Deutschland die Regel sein wird. Schaut man sich indessen an, wie die Schulausbildung gerade in den - nach internationalem Vergleich - erfolgreichsten Ländern verläuft, in Kanada etwa oder in den skandinavischen Ländern, so wird man feststellen, dass der dazugehörige Stress eine bevorzugt deutsche Angelegenheit ist.

So spielen in allen genannten Ländern das selbständige, eigenverantwortliche Arbeiten in Projektgruppen, die innere Differenzierung von Lerninhalten oder auch die Integration von Schule und Freizeit eine wesentlich größere Rolle, als das hierzulande der Fall ist. Spricht man mit Lehrern, Eltern und Schülern, zeichnet sich ein Effekt der panisch betriebenen G-8-Reformen schon jetzt ab: die Neigung, auf dem Weg zum Abitur ein Austauschjahr im Ausland zu verbringen, wird abnehmen. Zugleich aber wird, etwa vom "Aktionsrat Bildung", beklagt, dass allen Reformen der vergangenen Jahrzehnte zum Trotz die Fremdsprachenkenntnisse der deutschen Schüler nach wie vor unbefriedigend sind.

In der Debatte über Verkürzung der Schuljahre bis zum Abitur werden Themen wie das Auslandsjahr unterbewertet. Das wird sich erst ändern, wenn die Kultusminister ihre Fixierung auf die magischen 265 Jahreswochenstunden aufgeben und das Was und Wie des Lernens wieder zusammenbringen.