G8-Reform Der Stoff, aus dem die Albträume sind

Die Kultusminister müssen wieder einmal nachsitzen: Eltern und Lehrer befürchten, dass der Stoff nur zu schaffen ist, wenn die Schüler unter Druck gesetzt werden.

Von Tanjev Schultz

Wenn vom G 8 die Rede ist, denkt Henry Tesch eigentlich gar nicht ans Abitur, sondern an den Gipfel in Heiligendamm. Das liegt wohl einerseits daran, dass Tesch Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern ist, eines Bundeslandes, dessen Existenz manchen Westdeutschen erst durch den G-8-Gipfel im vergangenen Jahr so richtig bewusst geworden ist. Es liegt aber andererseits auch daran, dass man in Ostdeutschland eher vom zwölfjährigen Abitur als vom achtjährigen Gymnasium spricht und überdies ein entspannteres Verhältnis dazu hat als im Westen.

Schulklasse: Jugendliche und Eltern klagen über gestohlene Freizeit.

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Die Aufregung über die verkürzte Gymnasialzeit (G 8) löst bei Tesch und vielen Politikern und Eltern in Ostdeutschland Achselzucken aus. Sie dachten, das Thema sei durch. Tesch spricht von "Gefechten aus der Vergangenheit". Bereits zu DDR-Zeiten legten Jugendliche die Reifeprüfung nach zwölf Schuljahren ab; nach der Wiedervereinigung blieb dies in Sachsen und Thüringen so, die anderen ostdeutschen Länder passten sich zunächst dem Westen an und kehrten später zum G 8 zurück. Sachsen und Thüringen haben in den Pisa-Tests gute Werte erreicht und sehen wenig Grund, ihre Lehrpläne umzuschreiben. Zu ihrem Erfolg könnte beigetragen haben, dass die Schulen den Unterricht vergleichsweise eigenständig organisieren dürfen.

"Arbeitstempo einer griechischen Landschildkröte"

Der Lehrplan müsse ja nicht "sklavisch nachgebetet werden", sagt Sachsen-Anhalts Bildungsstaatssekretär Winfried Willems. Der Lerndruck könne reduziert werden, wenn sich die Lehrer gut absprechen, Prüfungen koordinieren, unnötige Tests streichen und Hausaufgaben maßvoll stellen.

Mit Zeit und Stoff in den Schulen effizienter und effektiver umzugehen - dies war ursprünglich die Idee bei der Einführung des G 8. Seit den siebziger Jahren wurde in der Bundesrepublik immer wieder darüber diskutiert, nach der Wiedervereinigung mit wachsender Intensität. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl drängte die Länder Anfang der neunziger Jahre, das Turbo-Abitur einzuführen. Aber gemach. Die Konferenz der Kultusminister (KMK), der Kohls für Rasanz bekannter Bildungsminister Jürgen Möllemann einmal das "Arbeitstempo einer griechischen Landschildkröte" vorwarf, blockte den Vorstoß zunächst ab.

Mehr Tempo im Bildungssystem

Dafür beschloss die KMK ein Mindest-Stundenpensum von 265 Wochenstunden bis zum Abitur, das sind im G 8 durchschnittlich etwa 33 Wochenstunden pro Schuljahr. Damit wollten die West-Kultusminister sicherstellen, dass die Qualität des Abiturs in den G-8-Ländern Sachsen und Thüringen dem Standard im Westen entsprach. Die Klagen über zu alte Berufsanfänger endeten aber nicht, der frühere Bundespräsident Roman Herzog verlangte Ende der neunziger Jahre einen Ruck und mehr Tempo im Bildungssystem. Und plötzlich hatten es auch manche Kultusminister im Westen, vor allem die in Bayern, dem Saarland und in Baden-Württemberg, sehr eilig. Sie führten das G 8 ohne größere Vorbereitung ein und müssen nun immer wieder bei der Stundentafel und den Lehrplänen nachbessern. Roman Herzog hatte 1997 über "gestohlene Lebenszeit" durch die lange Schulzeit geklagt. Nun aber klagen Jugendliche und Eltern über gestohlene Freizeit.

Dass Schüler etwas lernen, dafür sind freilich weder zwölf noch 13 Schuljahre eine Garantie. So stellten die Pisa-Forscher in einer Sonderstudie ernüchtert fest, dass sehr viele Neuntklässler in den Naturwissenschaften und in Mathematik innerhalb eines Schuljahres gar keine Fortschritte machen. Auf die Frage, was sie in einem Jahr Mathe-Unterricht gelernt haben, "müssten etwa 40 Prozent der Schüler mit 'nichts' antworten", heißt es in der Studie. So betrachtet, kommt es auf ein Schuljahr mehr oder weniger wirklich nicht an.