Süddeutsche Zeitung

Fußballweisheiten im Büro:Sind wir nicht alle ein bisschen WM-Team?

"Wichtig is' aufm Platz": Fußballweisheiten klingen nicht nur gut, sie lassen sich sogar aufs Berufsleben übertragen. So geht jeder als Weltmeister nach Hause.

"Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu": Während der Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) dürften solche Sprüche wieder Hochkonjunktur haben. Verbale Blutgrätschen wie diese sind manchmal zwar eher unfreiwillig komisch. Es gibt aber auch Fußball-Weisheiten, die sich perfekt auf das Berufsleben übertrage lassen.

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Wichtig is' aufm Platz

"Aufs Berufsleben übertragen heißt das: Man muss pragmatisch denken und darf nicht theoretisieren", sagt der Karriereberater Theo Bergauer, der in Ratingen arbeitet. Eine Idee tauge nur dann etwas, wenn sie sich im Betrieb umsetzen lässt. Auch sei es für das berufliche Ansehen entscheidend, wie sich Mitarbeiter bei der Arbeit in Szene setzen. Als "Bühne" oder "Platz" lasse sich dabei zum Beispiel eine Besprechung oder eine Verhandlungsrunde ansehen. Wer darin auftrumpft und vor dem Chef eine gute Figur macht, habe mehr Erfolg als das fleißige Bienchen, das im Hintergrund bleibt.

Schaumschlägerei zahle sich aber weder auf dem Fußballplatz noch im Betrieb aus, schränkt Bergauer ein. Denn wenn Mitarbeiter sich aufspielen und es sich dadurch mit den Kollegen verscherzen, tun sie sich keinen Gefallen. Im Fußball wie im Berufsalltag hänge der Erfolg außerdem von einer guten Vorbereitung ab. Vertriebsleiter zum Beispiel seien auch auf die Mithilfe von Kollegen abseits des "Spielfelds" angewiesen - etwa aus der Buchhaltung und der Logistik.

Never change a winning team

Die Zusammensetzung eines Teams unverändert zu lassen, wenn es erfolgreich ist, findet Christine Öttl grundsätzlich vernünftig: "Ein neuer Vorgesetzter sollte nicht nur deshalb etwas umstrukturieren, weil er neu ist", sagt Öttl, die als Karrierecoach in München arbeitet. Sinnvoll sei das nur, wenn es einleuchtende Gründe dafür gibt, die sich auch dem Team vermitteln lassen. Das kann zum Beispiel sein, dass sich Veränderungen abzeichnen, auf die man reagieren sollte. In diesem Fall muss auch ein erfolgreiches Team Änderungen akzeptieren. Wichtig sei aber zu hinterfragen, was "erfolgreich" eigentlich meint: "Man darf nicht nur auf wirtschaftliche Erfolge gucken", rät Öttl. Es könne durchaus sein, dass solche Erfolge teuer erkauft sind - zum Beispiel durch brutale Konkurrenz der Teammitglieder untereinander oder durch eine Arbeitsbelastung, die auf Dauer nicht durchzuhalten ist. "Man muss immer fragen: Wie kommen die Erfolge zustande?" Wenn einige dafür so viel arbeiten müssen, dass ihnen ein Burnout droht, sei das ebenfalls ein guter Grund für Veränderungen.

Das Runde muss ins Eckige

Ziele klar und präzise zu formulieren, sei im Beruf unerlässlich, findet Bergauer. "Und es ist eine hohe Kunst, die Dinge einfach zu erklären." Dabei seien vor allem Chefs gefragt: "Sie müssen dafür sorgen, dass sie verstanden werden." Der Satz lasse sich aber auch so verstehen, dass im Fußball am Ende die Ergebnisse zählen. "Einen Preis für Schönspielerei gibt es nicht", sagt Bergauer. Das sei im Beruf ebenso. Allerdings gelte hier wie da, dass ein Sieg auf faire Weise errungen werden muss. "Wer hinterhältig foult, kann nicht stolz auf seinen Sieg sein." Und wer Geschäftspartner in Verhandlungen austrickst, darf sich nicht wundern, wenn sie künftig nicht mehr mit einem zusammenarbeiten.

Der nächste Gegner ist immer der schwerste

Generell stimme zwar, dass auch im Berufsleben mit einer bewältigten Herausforderung nicht alles getan ist, sagt Christine Öttl. Schließlich wartet die nächste Aufgabe in der Regel schon. Daraus eine Philosophie zu machen, nach der keine Pause und kein Durchatmen erlaubt ist, hält Öttl allerdings für bedenklich. "Ständig Höchstleistungen zu fordern, kann kontraproduktiv sein. Das geht nicht auf Dauer - und wenn es verlangt wird, wirkt es demotivierend." Hinzu komme, dass die Aussage inhaltlich nicht stimmig sei: Der nächste Gegner sei eben nicht immer der schwerste. "Klar, das soll heißen, dass man ihn nicht unterschätzen soll." Aber wichtig sei, künftige Herausforderungen realistisch einzuschätzen. "Es gibt auch solche, die weniger anspruchsvoll sind." Sich ständig einzureden, die nächste Aufgabe sei besonders schwierig, könne Angst machen.

Ein Spiel dauert 90 Minuten

Eigentlich stimme dieser Satz so gar nicht, sagt der Karriereberater Reinhard Sprenger aus Zürich: "Ein Spiel hat ja oft 93 oder 94 Minuten." Das sei ein wichtiger Punkt, denn manche Spiele werden erst in der Nachspielzeit entschieden. Das zeige, wie wichtig Hartnäckigkeit im Sport ist. Für die Karriere gelte das ebenfalls: Beim Bewerben um eine Stelle zum Beispiel sei Durchhaltevermögen gefragt, erklärt Sprenger. So dürften Bewerber sich nicht von Rückschlägen entmutigen lassen und sich nicht scheuen, im Wettstreit um eine freie Stelle immer wieder nachzuhaken. "Solange das Spiel nicht abgepfiffen ist, hat man eine Chance."

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Stimmt, sagt Christine Öttl. Allerdings kommt es darauf an, in welchem Tonfall das gesagt wird. Oft klinge es wie ein Klagelaut über Dauerstress: "Ich kenne es in der Variante 'Nach der CeBIT ist vor der CeBIT', und da ist es genauso gemeint." Das sei bedenklich. "Man muss dann schauen: Arbeiten wir wirklich effizient? Oder hecheln wir das ganze Jahr mit diesem Spruch im Kopf durch die Arbeit?" Wichtig sei auch zu analysieren, wie das letzte Spiel gelaufen ist und was es eventuell zu verbessern gibt. "Klar, es gibt Leute, die finden Dauerstress cool", sagt Öttl. Für alle anderen sei es besser, nach dem Spiel eine kurze Pause einzulegen. "Wenn man es so versteht, ist es völlig okay: Nach dem Spiel hat man die Chance, eine neue Sache mit neuer Energie anzugehen."

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