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Führungsspitzen:Voyeure im Büro

Warum regen sich die Leute über Google Street View auf? Wesentlich aussagekräftiger wäre der Blick auf Deutschlands Schreibtische - die verraten so einiges.

Die Frage, ob eine Gardine den schützen soll, der sie aufgehängt hat, oder eher den, der draußen vorbeiflaniert, ist in Deutschland noch nicht abschließend geklärt. Schließlich verlangen meistens jene Menschen am heftigsten nach Sichtschutz, die, wenn sie einmal Einblick bekommen, gar nicht mehr herausfinden mit den Augen aus einem unverhofft unverhüllten Raum. Man kann annehmen, dass es ähnliche Phänomene auch in der Debatte um den Straßenbilderdienst Google Street View gibt. Denn ob beim Alkohol, beim Ehebruch oder beim Surfen in fremden Vierteln: Häufig sind jene, die besonders eindringlich nach Abstinenz rufen, in einem zweiten, verhüllten Leben auch jene, die solche Hobbys mit Hingabe pflegen.

Ole von Beust

Aussagekräftig? Der Schreibtisch von Hamburgs ehemaligem Bürgermeister Ole von Beust.

(Foto: dpa)

Allerdings kann man den Bundesbürgern eine gewisse Opposition gegen die weltweite Straßenschau nicht verübeln. Schließlich könnte es zu Nachbarschaftskriegen kommen, wenn jemand zum Beispiel sein Haus verkaufen will, das Internet aber offenbart, dass Müllers nebenan ihre Mülltonnen nicht eingehaust haben, Fleischers auf der anderen Seite einen Gartengrill in Osterfeuergröße betreiben und die Garagentür der Schmidts den Blick auf eine Hobby-Schweißerei freigibt. Wobei Google gerade eine Expertin für Public Affairs, also öffentliche Angelegenheiten, ernannt hat, die sich solcher Streitereien sicher gern annehmen wird.

Und das ist gut so. Denn aus geheimen Papieren geht hervor, dass der Internet-Konzern bereits sein nächstes Projekt plant: Google Desk View. Schon sind die Wischmobs von Putzkolonnen in großen Bürohäusern mit Kameras ausgestattet worden, um jenen Platz für das Internet zu filmen, der angeblich mehr über seinen Nutzer offenbart als Herzchen auf der WC-Gardine: der Schreibtisch. Dies meint zumindest der amerikanische Psychologe Samuel Gosling. Schicke man Versuchspersonen in fremde Büros, beurteilten sie deren Bewohner akkurater, als Freunde es könnten, so Gosling.

Bevor nun jedoch Headhunter und Personalchefs darauf warten, anhand von Google Desk View demnächst den idealen Kandidaten für einen Job herausfiltern zu können, sollten sie sich bewusst machen, dass die Forschung auch hier noch Fragen offen lässt: Ist der Kollege mit dem zugemüllten Schreibtisch nun ein kreativer Kopf, ein Faulpelz oder ein antriebsloser Welt-Leugner? Zeugt das gerahmte Foto von Ehefrau samt Kindern von Verantwortungsgefühl, Besitzdenken, Trophäensucht - oder soll es nur den Kolleginnen vortäuschen, dass aus diesem Büro keine Anmache droht?

Signalisieren nach Farben sortierte Stifte Pedanterie, strukturiertes Denkvermögen oder allein die Tatsache, dass sich hier schon lange niemand mehr Notizen gemacht hat? Und wie sind Schreibtische zu bewerten, die von Sekretärinnen gepflegt oder von Karriereberatern gestylt werden, die für sämtliche Ausprägungen der Büro-Optik Typologien entwickelt haben? Der Psychologe Cary Cooper zum Beispiel unterteilt in den "Ordnungsfanatiker", den "konsequenten Familienmenschen", den "designverliebten Leader", den "Büro-Animateur" und in das "chaosbeherrschende Genie".

Google ist es bekanntermaßen egal, was aus Daten herausgelesen wird. Gerüchten zufolge werkelt der Konzern an einem weiteren Projekt: Google Car Seat View. Denn wo kann man schon so viel über jemanden erfahren wie beim Blick in sein Auto? Google Purse View ist erst im Ideenstadium.

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