Führungsspitzen Unterhaltung mit dem Chef? Kostet 150 Euro!

Zeit ist ein wertvolles Gut - erst recht die Zeit von hochdotierten Managern. Dass sie trotzdem Stunden damit vergeuden, sich die Wehwehchen ihrer Angestellten anhören zu müssen, ist eigentlich ein Skandal. Es gäbe eine simple Lösung.

Von Dagmar Deckstein

Es gehört zweifellos zu den Mantras jedes aufgeklärt-modernen Managers: "Meine Tür steht immer offen." Motiviert bis in die Haarspitzen begibt sich der neue Chef in seiner Antrittsrede selbstredend auf partnerschaftliche Augenhöhe mit dem Mitarbeitervolk, noch nicht ahnend, dass er durch sein vollmundiges Versprechen fortan seines Führungslebens nicht mehr froh werden wird.

Zeit ist Geld. Ein Plausch mit dem Chef könnte deshalb schon bald etwas kosten.

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Statt vor allem das zu tun, wofür er mit viel Geld bezahlt wird, und sich wichtigen strategischen Aufgaben mit Inbrunst zu widmen, findet er sich in der Rolle des Sorgenonkels für alle möglichen und unmöglichen Wehwehchen der Mitarbeiter wieder. Nicht von ungefähr wird mehr als die Hälfte der Zeit des typischen Managers von Untergebenen beansprucht. Und sei es nur, um mal schnell das Rübenkuchen-Rezept hereinzureichen, das Frau Chef-Gemahlin erbeten hatte.

Im Grunde ist die Erkenntnis uralt, dass die Menschen mit dem extrem knappen Gut Zeit zuweilen derart verschwenderisch umgehen, als ob sie mehr als genug davon hätten. Dabei ist chronischer Zeitmangel stets die Nummer eins auf der nach unten offenen Sorgenskala der meisten Führungskräfte.

Bereits Seneca - der mit dem "Carpe diem" - mokierte sich vor fast 2000 Jahren über das offenbar schon damals unzureichende Zeitmanagement seiner Zeitgenossen: "Ich pflege mich zu wundern, wenn ich sehe, dass jemand um Zeit bittet und der, der darum gebeten wird, sich sehr gefällig zeigt. Es wird gleichsam um nichts gebeten, gleichsam auch nichts gewährt. Man spielt mit der allerwertvollsten Sache. Es entgeht jenen der Umstand, dass diese Sache unkörperlich ist, deshalb schätzt man sie sehr gering ein. Man braucht sie gedankenlos, so als koste sie nichts." So steht es in Senecas "De brevitate vitae - Von der Kürze des Lebens".

Was nichts kostet nennen wir heute freies Gut, und mit teurer Managerzeit wird tatsächlich verfahren, als handele es sich um ein solches. Das eherne Gesetz, das freien Gütern innewohnt, ist die Tatsache, dass die Nachfrage nach ihnen stets das Angebot übersteigt. Zeit ist Geld, Managerzeit erst recht. Gehen wir von einem noch nicht einmal so üppig verdienenden Topmanager mit 1,2 Millionen Euro Jahresverdienst aus. Bei einer Durchschnittsarbeitswoche von 60 Stunden kostet also jede mit Nichtigkeiten vergurkte Arbeitsstunde schon mal 420 Euro.

Zeit ist Geld? Dann sollte sie auch jedem "sehr gefälligen" Zeitgewährer bezahlt werden. Nicht genug zu loben ist da der Unternehmensberater Hermann Simon, dessen Kerngeschäft genau darin besteht, Managern das Führungsleben leichter zu machen. Wenn Zeit knapp ist, dann muss sie eben auch von denen bezahlt werden, die sie einem gewöhnlich stehlen. "Es erscheint geradezu als absurd, dass eine der knappsten Ressourcen im Unternehmen als freies Gut behandelt wird, während andere noch so kleine Leistungen minutiös verrechnet werden", echauffiert sich der Berater und rät also, die wertvolle Vorgesetztenzeit schlichtweg zu bepreisen. Dann wird eben der Abteilung - neudeutsch: dem Profitcenter - der Mitarbeiter-Schnack mit dem Chef in Rechnung gestellt.

Also nichts wie die geöffnete Cheftür sofort ins Schloss geworfen und das Schild angenagelt: "Sprechzeiten Dienstag und Donnerstag 10 bis 12 Uhr, nur nach Voranmeldung. Einführungspreis 150 Euro pro halbe Stunde, ab 15. September 300 Euro."