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Führungsspitzen:Schläge für die Angestellten - schon arbeiten sie

Wiesn-Wirt Krätz soll Angestellte beleidigt und körperlich angegriffen haben. Chefs, die sich so verhalten, haben das moderne Arbeitsleben nicht begriffen.

Der Rest der Republik hat es vielleicht gar nicht richtig mitbekommen, deshalb hier ein kurzer Abriss dessen, was sich in der vergangenen Woche in München zugetragen hat: Eine Woche nach Ende des Oktoberfestes meldete sich ein Kellner des Hippodrom-Zeltes und schilderte, wie der Wirt Sepp Krätz mit seinen Bediensteten umspringt. Das brachte eine Welle ins Rollen.

Oktoberfest München - Kellnerin

Wiesnwirt Sepp Krätz soll seine Angestellten im Bierzelt körperlich angegriffen haben - kein gutes Vorbild für Chefs.

(Foto: dpa)

Innerhalb weniger Tage berichteten mehrere Kellner und Bedienungen Ähnliches: Krätz habe seine Beschäftigten mit üblen Schimpfworten bedacht, Männer an den Ohrwascheln (bayerisch für Ohren) gezogen und Frauen in den Po gekniffen. Die Angelegenheit ist zu einem Politikum geworden, die Stadt und ihr Bürgermeister verlangen Aufklärung. Wie es aussieht, muss Krätz um seine Wiesn-Konzession fürchten.

Die Angelegenheit könnte man als besondere Ausprägung bayerischer Folklore abtun, wenn sie nicht in einem Punkt ins Überregionale ausstrahlen würde. Bei allen Berichten über Sepp Krätz wird nämlich spätestens im letzten Absatz immer erwähnt, was für ein toller Wirt er ist. Schließlich kürte ihn Ministerpräsident Horst Seehofer eine Woche vor der Wiesn in einem großen Festakt in der Residenz noch zum "Gastronom des Jahres 2011". Und allgemein anerkannt wird, dass Krätz das Hippodrom innerhalb weniger Jahre zu einem der attraktivsten Wiesnzelte gemacht hat, in das die Prominenz schon deshalb gerne ging, weil es Betrunkenen verboten war, auf den Tischen zu tanzen. Darüber hatten die Kellnerinnen und Kellner zu wachen, und wehe, sie taten es nicht...

Man fragt sich, wie so etwas möglich ist: Dass es jemand zu einem der angesehensten Wirte auf dem angesehensten Volksfest der ganzen Welt bringt, und das mit Führungsmethoden, die seit Jahrzehnten unter psychologischen, pädagogischen und selbst betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten als kontraproduktiv gelten. Es ist ja nicht mehr so wie vor 100 Jahren, als in Schule und Beruf noch galt: "Eine Watschn hat noch niemandem geschadet." Gerade Lehrherren beriefen sich auf dieses Prinzip, wenn sie ihre Lehrlinge schlugen, denn Lehrjahre waren keine Herrenjahre.

Aber die Zeiten haben sich geändert, und so, wie körperliche Züchtigung seit Ende der 60er Jahre an den Schulen verboten ist, so ist sie auch im Arbeitsleben nicht mehr denkbar. Ein Mitarbeiter, der geschlagen wird, wird gedemütigt. Und wer Angst haben muss, wird nur kurze Zeit gute Leistungen bringen, langfristig aber wird er demotiviert sein, das ist inzwischen Allgemeingut. Und wenn die Mitarbeiter demotiviert sind, wird das langfristig auch dem Unternehmen schaden.

Wie also geht es zusammen, dass das Hippodrom sich langfristig zu einem Top-Zelt entwickeln konnte, während hinter den Kulissen Tyrannei und Angst herrschten? Liegt es an der besonderen Branche, in der es eben ruppiger zugeht als im Rest der Arbeitswelt? Liegt es daran, dass die Bediensteten auf dem Oktoberfest sehr gut verdienen und die Zeit der Demütigungen nach zwei Wochen vorbei ist? Dass sie sich danach 50 Wochen in einem anderen Job wieder davon erholen können? Oder machen es viele vielleicht überhaupt nur zwei Wochen und kommen dann nie wieder? Aber was ist mit den wenigen anderen, die die Methoden vielleicht über Jahre erdulden? Der Fall Krätz wirft viele Fragen auf, mehr als 200 Jahre nach Erfindung des Humanismus.

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