Führungsspitzen Keiner will mehr Boss sein

Genug von Bürokratie und Steuerabgaben: Deutschland gehen die Unternehmer aus. Die Lust auf den Chefposten ist Vielen vergangen - dabei möchten die Menschen so gerne geführt werden.

Von Dagmar Deckstein

Zum Führen gehören bekanntlich immer mindestens zwei: einer, der führt, und einer, der geführt wird. Nun verengt sich die landläufige Vorstellung vom Führen auf jene letztlich überschaubare Anzahl konzernangestellter Manager - nicht zuletzt befeuert durch die mediale Aufmerksamkeit, die der verschiedenen Daxen entsprungenen Spezies gewidmet wird. Von den Umgarnungen der Business Schools und Management-Ratgeberliteratur gar nicht erst zu reden; haben die doch auch jene karrierehungrigen Hochpotentialer im Blick, die ängstlich alles richtig machen wollen auf ihrem unaufhaltsamen Weg nach oben.

Der Thron bleibt leer: Deutschland gehen die Führungskräfte aus.

(Foto: Getty )

Wir nehmen jetzt aber einmal jene Führungsfiguren in den Blick, die zwar 95 Prozent der deutschen Wirtschaft dirigieren, aber stets im Windschatten der publikumswirksameren Windmacher hinterdrein laufen. Viele sind es nicht, die sich öffentlicher Bekanntheit mehr oder auch meist weniger erfreuen. Etwa der kürzlich verstorbene Theo Albrecht, der einst mit seinem Bruder Karl eine der erfolgreichsten Discounter-Ketten gründete und zu den großen deutschen Unternehmerlegenden der jüngeren Geschichte zählte.

Auch andere machte die Nachkriegsnot erfinderisch, an Ideen, wie der Mangel mit neuen Geschäftsmodellen zu überwinden wäre, herrschte kein Mangel. Gründerzeiten eben, in denen auch die Unternehmerdynastien der Grundigs, der Schickedanz' und Mohns ihre unternehmerischen Wurzeln fanden und mit vielen anderen, weniger berühmt gewordenen Unternehmern zum schnellen wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik beigetragen haben.

Heute, 65 Jahre später, mitten in der Überflussgesellschaft, zeichnet sich ein Mangel ganz anderer Art ab - ein Mangel an Gründerlust, an Freude am Unternehmertum. Deutschland gehen die Unternehmer aus. Das ist jedenfalls die Botschaft des letzten Deutschen Mittelstands-Barometers, mit dem die Universität Marburg den drei Millionen Mittelständlern halbjährlich und repräsentativ den Puls fühlt.

Danach hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der Befragten vervierfacht, die, stünden sie noch einmal vor der Wahl, sich gegen eine unternehmerische Karriere entscheiden würden. Vier von fünf Befragten, also immerhin 80 Prozent, haben das Unternehmerdasein satt. Und obendrein gaben sie auch noch an, sie hegten nicht die Absicht, potentiellen Nachfolgern aus der Familie die Weiterführung des Betriebes zu empfehlen.

Frusterzeugende Dauerbrenner sind überbordende Bürokratie, Steuer- und Abgabenbelastung. Erschwerend hinzu kommen Managerskandale, Schmiergeldaffären, Steuerhinterziehung und der Einblick in die Banken-Casinos aus der Finanzkrise, die allesamt deutliche Spuren in der volkstümlichen Unternehmerbewertung hinterlassen haben. Die wirft bekanntlich gerne den kreuzbraven Mittelständler zusammen mit dem Hedgefonds-Manager in einen Topf.

Den Deutschen wird seit eh und je nachgesagt, sie hätten eine ausgesprochene Angestelltenmentalität entwickelt und wenig Neigung zur Selbständigkeit. Aber wenn dann auch noch die letzten Unternehmer ausgehen, schauen auch die Aussichten fürs Eingestellt- respektive Geführtwerden trübe aus. Was also bleibt? Lasst uns die Business Schools zu Volksschulen machen, lasst uns ein Volk von Führungskräften werden, die sich dann in der Not auch selbst führen können.

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