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Führungsspitzen:Heim ins Büro

Früher undenkbar, mittlerweile kritisch beäugt, in Zukunft vielleicht völlig normal: Arbeiten zuhause. Warum Heimarbeit besser ist als im Büro zu sitzen - und warum nicht.

Sie sind Führungskraft und wollen die Produktivität Ihrer Abteilung im neuen Jahr so richtig steigern?

Ist einmal der Bürozwang aufgehoben, kann die Arbeit auch im Cafè erledigt werden.

(Foto: Foto: AP)

Sie wollen sich als menschenfreundlicher Chef profilieren und Ihren Beschäftigten mehr von dem ermöglichen, was Management-Trainer Work-Life-Balance und Arbeitnehmer schlicht mehr Freizeit nennen? Dann schicken Sie Ihre Mitarbeiter nach Hause.

Heimarbeit - schicker: Telearbeit - ist groß im Kommen. Bei US-Konzernen wie IBM und Sun Microsystems arbeiten bereits ein Drittel bis die Hälfte aller Angestellten wo immer sie möchten.

Motivierter, leistungsfähiger und weniger Zwist

Und wer all die Studien liest, denen zufolge Telearbeiter motivierter sind, mehr leisten und weniger meckern als ihre am Schreibtisch hockenden Kollegen, möchte seine Niederlassung am liebsten morgen schließen.

Warum sollte man sich auch mit allzu vielen Mitarbeitern belasten, die Büroplatz, Sekretariate und andere Annehmlichkeiten beanspruchen und einem dabei zuweilen noch die Laune verderben? Wenn es doch reichen könnte, ihnen einen Laptop mit der Hotline-Nummer für den Fall technischer Störungen und der Anleitung für die Videokonferenz-Funktion in die Hand zu drücken.

Bestenfalls erntet man Ergebnisse wie die amerikanische Elektronikmarkt-Kette Best Buy. Dort wird die Anwesenheitspflicht in der Zentrale komplett abgeschafft, nachdem Abteilungen, in denen Mitarbeiter nur noch an ihrer Leistung gemessen werden, im Schnitt etwa ein Drittel produktiver sind als zuvor.

Büroflirts adè

Wer jetzt auf den Wert zwischenmenschlicher Kontakte im Arbeitsalltag verweist, hat schon verloren. Zumindest sollte er sich sicher sein, niemals durch Flirts in der Kaffeeküche oder Überstunden mit der attraktiven Controllerin aufgefallen zu sein. Sonst könnte man ihm die Büro-Liaison unterstellen, einen gar nicht mal so seltenen Produktivitätskiller.

Zeitfresser bar jeder Romantik, wenn auch mit Leidenschaft gepflegt, sind Konferenzen. Wie viele Stunden ließen sich gewinnen, müsste man nicht ständig den Hahnenkämpfen zwischen Vizechef und Teamleiter beiwohnen und dem Kollegen lauschen, der sich auf nichts vorbereitet außer auf den nächsten Karriereschritt.

Büroarbeiter beschäftigen sich außerhalb der eigentlichen Arbeit auch gerne mit folgenden Aktivitäten: dem Sichern von Statussymbolen, dem Sichern ihrer äußeren Erscheinung, dem Meckern über den Chef, dem Meckern über die Kantine, dem Schmieden von Büro-Intrigen.

Sehnsucht nach den Kollegen

Und nicht zu vergessen mit der kleinen Lebenshilfe: Wo holt man sich die neusten Urlaubsempfehlungen, Ratschläge zum Aufrüsten des Heimcomputers und zum besten Scheidungsanwalt, wenn nicht von Kollegen?

Ganz zu schweigen von privaten Anrufen oder Mails, die zwar selten erlaubt, meist aber geduldet sind. Hinzu kommt die Anfahrt: Die vielen Stunden im Stau oder im Angesicht hustender Bahn-Pendler sind gefühlte Arbeitszeit.

Warum also sollten Sie nicht vor Ihre Mannschaft treten und mit Beispielen jener fröhlichen Heimarbeiter winken, die beim Wickeln ihres Babys E-Mails abrufen, in der Kino-Nachmittagsvorstellung per SMS-Aufträge bestätigen, mit dem Laptop am Strand liegen und die Ehefrau zu ihrem neuen Job nach Bangalore begleiten?

Entspanntere Manager

Kann sein, dass Sie für eine solche Aktion den Preis für mehr Work-Life-Balance in Ihrer Firma gewinnen und sich selbst mehr Lebensqualität sichern. Denn Sie werden künftig nur noch Strategien ersinnen und Ergebnisse sammeln; Ihre Seelsorger-Einsätze in Sachen Büro-Konflikt dürften deutlich abnehmen.

Sie müssen sich allerdings an weniger Publikum gewöhnen. Und es kann auch sein, dass sich der eine oder andere Mitarbeiter bei Ihnen beschwert. Im Kino erreichbar sein, am Wickeltisch angerufen werden, nach Bangalore umziehen müssen? Was war das doch damals im Büro für ein Leben.

© SZ vom 02.01.2007
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